YAYLA - Totale, spirituelle Isolation


Die Türkei ist nicht gerade bekannt für ihre Metalszene. Dass es dort auch Black Metal gibt, ist für viele unvorstellbar. Dennoch wurde ich erneut auf Yayla aufmerksam, ein Projekt, das gekonnt Black Metal mit Ambient vermischt und erst kürzlich sein fünftes Album „Pas.To.Rale“ veröffentlichte. Bereits vor vier Jahren wurde Yayla mit dem Vorgänger-Album „Nihaihayat“ von mir bei CROSSFIRE hochgelobt. Einzelkämpfer Emir Toğrul konnte sich an mein damaliges Review erinnern und kontaktierte mich direkt über Facebook.

logoDaniel: Hi Emir! Erzähl uns doch am Anfang, wann und wie es zur Entstehung von Yayla kam!

Emir: Blliigghhted-Schlagzeuger Merdümgiriz und ich starteten das Projekt als Teenager. Wir hörten uns die extremste Musik an, die es gab und konnten davon einfach nicht genug bekommen. Wir wollten eine Extreme erreichen, die zuvor noch nie dagewesen war. Wir verbrachten viel Zeit in den Bergen und hörten den ganzen Tag Musik. Wir nahmen Demokassetten auf und begruben sie später als eine Art Ritual. Heute machen wir so etwas nicht mehr. Aber alles begann schon sehr intensiv.   

Daniel: Hattest du zuvor schon in anderen Bands gespielt?

Emir: Ich spielte zuvor bei Flying Faggot, die im Prinzip den Grundstein für Viranesir legten. Vielleicht werde ich die Band eines Tages wiederbeleben und ein neues Album mit ihnen machen. Mal sehen.

Daniel: Was bedeutet das Wort Yayla eigentlich? Ist es ein türkisches Wort? Und wie passt dieser Name in das gesamte Konzept?

Emir: Ja, es ist ein türkisches Wort und bedeutet „bergige Kältesteppe“. Wir hatten uns als Siebzehnjährige für diesen Namen entschieden, um auszudrücken, dass wir es genossen, abgeschottet von der Gesellschaft in der Natur zu leben. Es ist eine Vision des Todes und totaler spiritueller Isolation, um die es auch in den Texten der Band geht. 

Daniel: Welche Bands zählen zu deinen Haupteinflüssen?

Emir: Ich wuchs mit orchestraler Musik, Pop, Folk und Rock auf, die meine Eltern zu Hause hörten. Außerdem zähle ich immer auch Vivaldi, Simon & Garfunkel, Pink Floyd und Cat Stevens zu meinen Haupteinflüssen. Der Ursprung meiner Melodien basiert auf orchestraler Musik, während die Intensität und die Experimentierfreude eher auf modernere Musik zurückzuführen ist. Im Metal-Bereich waren es vor allem Burzum, die Metal und Ambient zusammengeführt haben. Xasthur führten dies dann noch weiter aus. Diese Bands benutzten romantische Melodien und höllische Atmosphäre, um ihre eigene Form von Ambient Musik zu erschaffen. Das hat mich sehr beeinflusst.

Daniel: Deine Texte scheinen sehr philosophisch zu sein. Worum geht es da genau? Und was genau inspiriert dich zu solchen Texten?

Emir: Das würde jetzt hier den Rahmen sprengen und wäre für euch wahrscheinlich auch nur sehr schwer zu verstehen.  

Daniel: Du betreibst Yayla als Soloprojekt. Hast du keine geeigneten Mitmusiker gefunden? Oder war das von Anfang an so geplant?

Emir: Ich glaube nicht, dass ich die Hilfe anderer Leute brauche, um meine Musik zu kreieren. Ich mache das in erster Linie für mich selbst. Scheiß auf Leute! Ich habe auch ein paar Filme alleine gemacht. Wozu brauche ich eine Band? Wobei ich allerdings auch gestehen muss, dass Yayla 2007 zunächst als Duo begannen. Auf dem neuen Album griff ich wieder auf den Originaldrummer zurück. Aber grundsätzlich denke ich nicht, dass es zusätzliche Leute benötigt, um Kunst zu erschaffen.

Daniel: Dein erstes Album „Ruhizolasyon” war ein reines Instrumental-Album. Warum hast du dich erst später dazu durchgerungen, Texte zu verwenden? Oder andersrum gefragt: Warum gab es auf dem Debüt noch keine Texte?

Emir: Ich wollte eine neue Art extremer Musik erschaffen; total isolierte Ambient Musik mit Metal-Instrumenten. Ich wollte ursprünglich erst auch kein Schlagzeug auf dem Album haben, aber letztendlich haben wir dann doch eines benutzt, um das Tempo zu halten. Gute Frage! Vielleicht nehme ich eines Tages nochmal ein instrumentales Metal-Album auf; vielleicht sogar auch mal eins ohne Schlagzeug.

Daniel: Auf deinem neuesten Album, „Pas.To.Rale”, sind die Songs deutlich kürzer; nur noch um die fünf, anstatt wie früher zehn bis fünfzehn Minuten. Woran liegt das? War das von Anfang an so geplant? Oder hat sich das eher zufällig ergeben?

Emir: Ich würde sagen, ich war dieses Mal nicht interessiert daran, lange, monotone Stücke zu schreiben. Deshalb sind sie dieses Mal kürzer ausgefallen.

Daniel: Zwischen den letzten beiden Alben, „Nihaihayat” (2013) und „Pas.To.Rale” (2017), sind vier Jahre vergangen. Das war die längste Pause zwischen zwei Yayla-Alben überhaupt. Woran hat´s gelegen?

Emir: Ich habe mich in den letzten vier Jahren mit viel anderer Musik beschäftigt. Zudem habe ich einen Selbstmordversuch hinter mir und habe viel Zeit in einer geschlossenen Anstalt verbracht. Ich hatte das Gefühl, mit vielen anderen musikalischen Projekten experimentieren zu müssen. Und Yayla ist kein Werkzeug zum Experimentieren.

Daniel: Bei Bandcamp ist zu lesen, dass alle Alben auch als von dir selbst angefertigte Kassettenversionen erhältlich sind. Wie wichtig ist es für dich persönlich, dieses alte kultige Format am Leben zu erhalten? Oder hast du dich nur aus Kostengründen dafür entschieden?

Emir: Für mich klingt dieses Medium einfach am besten. Man benötigt gute Technik, um gute Kassetten zu machen. Ich mag solche Sachen. Meine Kassetten besitzen eine Menge Charakter und viele Leute haben mir auch erzählt, dass sie besser klingen als so manche ihrer Mastertapes im Studio. Ich bin sehr detailverliebt, wenn es darum geht, digitale Aufnahmen in analogen Sound umzuwandeln. Hierbei geht es also nicht um Geld, denn es kostet einen Haufen Asche, Kassetten herzustellen. Ich verstehe nicht, warum so viele Leute immer behaupten, dass CDs viel besser klingen. Wenn es nach mir ginge, dann würde ich nur Vinyl und Kassetten veröffentlichen. Aber für Vinylpressungen fehlt mir einfach das Geld.

Daniel: Wie hoch sind die Auflagen der CDs und Kassetten denn überhaupt? Gibt es da bestimmte Limitierungen?

Emir: Solange ich lebe, werden sie nicht limitiert sein. Die Künstler, deren Musik ich veröffentliche, sind alle vertraglich an diesen Umstand gebunden und wissen auch darüber Bescheid.

Daniel: Alle deine Veröffentlichungen (CDs, Kassetten und Shirts) wurden von  Merdümgiriz Records rausgebracht. Ist das überhaupt ein richtiges Label oder nur ein Name, um all dein Zeug zu vertreiben?

Emir: Es ist ein richtiges Metal-Label, das weltweit knapp zwanzig Bands unter Vertrag hat. Ich habe schon Tonträger von Künstlern aus Ländern wie den USA, Kanada, Italien, Island, Deutschland, Norwegen, Großbritannien usw. veröffentlicht. Wir haben auch schon eine Europa-Tour mit einigen dieser Bands durchgezogen. Uns geht es nicht um Geld oder Ruhm, sondern nur um die Kunst an sich.

yaylaDaniel: Stimmt es, dass du alle Yayla Logoshirts selbst bemalst? Warum druckst du keine? Wie ist die Qualität der Shirts? Und wie viele gibt es davon? Wie kann man sich das vorstellen? Malst du eine bestimmte Anzahl und wartest, bis sie weg sind? Oder werden sie alle erst bei Bestellung individuell angefertigt?

Emir: Ja, das stimmt, aber nicht nur für Yayla, sondern auch für alle anderen Bands des Labels. Es begann eigentlich alles deshalb, weil ich einfach von anderen Leuten unabhängig sein wollte. Dann trat aber immer mehr der künstlerische Faktor zum Vorschein. Die Qualität der Shirts ist sehr gut. Ich male die Shirts aber nur auf Bestellung. Ich male übrigens auch viel in meiner Freizeit. Das könnt ihr euch hier bei Interesse mal ansehen: http://merdumgiriz.org/Infernal.html

Daniel: Bleiben wir noch kurz bei dem besagten Bandlogo von Yayla: Worin bestand die Idee, einfach nur ein abstraktes Symbol anstelle eine richtigen Schriftzuges zu verwenden? Findest du nicht, dass dies ein Nachteil ist, wenn man nicht lesen kann, um welche Band es sich eigentlich handelt? So wirklich bekannt seid ihr ja auch nicht gerade.

Emir: Alle meine Bandlogos basieren auf dem Gedanken, dass Metal-Logos unvergleichlich sein sollten. Nun ja, meine Logos sind tatsächlich sehr abstrakt! Ich möchte mit meiner Musik und mit meiner Kunst immer noch einen Schritt weiter gehen in den Gefilden, was die extremen Aspekte der Stile, in denen ich mich bewege, angeht. Am besten gelang mir dies, meiner Meinung nach, auf dem Yayla-Debüt „Ruhizolasyon“, da es eine totale Abstraktion von Black Ambient geworden war. Aber auch mein Film „Fear Through Eternity“ (https://vimeo.com/76544669) war eine Abstraktion ästhetischer, dunkler Kerkermusik. Ich gehe aber auch genauso bei den Synthpunk-Alben von Viranesir vor oder auch beim Sprengen der Grenzen des progressiven Chaos Metals von Blliigghhtted. Alles ist eine Abstraktion und Überspitzung meiner Kunst. Und meine Logos reflektieren dies lediglich. Ich mache nie etwas, um andere Leute zufrieden zu stellen. Alles, was die Leute irritiert, ist gut! Ich frage mich oft, wie ein Album klingt, wenn ich das Cover betrachte und einen Schriftzug nicht entziffern oder einen Gegenstand nicht genau erkennen kann.  

Daniel: Wenn man sich alle deine Projekte ansieht (Funeral Of God, Viranesir, Blliigghhtted), dann fällt auf,  dass du hauptsächlich Black Metal mit Ambient vermischst. Wo liegen denn, deiner Meinung nach, genau die Unterschiede zwischen all diesen Projekten?

Emir: Da kann ich dir nicht zustimmen. Sie klingen definitiv nicht alle gleich! Metal Archives beschreibt Musikstile immer und nennt alles von mir Black Metal oder Ambient, damit man sich etwas darunter vorstellen kann. Auf den meisten Viranesir-Alben beispielsweise sucht man aber beides vergeblich. Jeder, der sich meine Musik genauer anhört, wird diese Unterschiede auch feststellen. Zudem ist Funeral Of God nicht wirklich „meine” Band. Ich habe dort lediglich den Gesang übernommen.

Daniel: Die einzige Ausnahme bildet die Death Metal-Band Red Bible Black. Die kommt allerdings aus Italien. Wie kam es dazu, dass du dort Mitglied wurdest? Und wie probt ihr? Oder habt ihr euch nur Musikdateien hin und her geschickt?

Emir: Das ist derselbe Typ wie bei Funeral Of God. Er kommt aus Italien. Ich nahm seine Projekte für mein Label unter Vertrag, weil er extreme Musik macht, die mir sehr gut gefällt, und er mich fragte, ob ich den Gesang für ihn übernehmen könnte. Wir haben aber nur Musikdateien ausgetauscht. Ich weiß nicht einmal, wie er aussieht.

Daniel: Lass uns bitte auch kurz über die türkische Metalszene reden, okay? Außer Pentagram, die sich später Mezarkabul nannten, und einer Black Metal-Band namens Death Ritual, kenne ich aus diesem Land nämlich leider gar nichts. Gibt es Bands, die du uns empfehlen kannst? Und gibt es dort überhaupt so etwas wie eine richtige Metalszene, die zusammenhält?

Emir: Ja, die Szene ist sogar ziemlich groß! In allen Städten gibt es extreme Bands; vor allem in den Großstädten. Es gibt sogar Gruppierungen, die Bands und die Szene im Allgemeinen unterstützen, wie zum Beispiel Takas Pazarı usw. Sie organisieren ständig irgendwo Konzerte. Mit den meisten Bands bin ich befreundet. Viele Bands schaffen es jedoch nicht über die Landesgrenzen hinaus, weil sie unoriginell sind und nur den großen Bands nacheifern. Deswegen beschäftigen sich auch kaum Türken mit meiner Musik, so wie es Leute aus den westlichen Ländern tun. Sie sind ziemlich primitiv, wenn es um Kunst als solche geht. Sie mögen auch kein neues Zeug oder Experimente, was ich hingegen anstrebe. Sie mögen vor allem das, was sie seit Jahrhunderten gewöhnt sind.

yaylaDaniel: Hat man es als Metaller in der Türkei eigentlich schwer? Wird man dort deswegen verfolgt? Gibt es Stress mit Zensur, wenn man Black Metal hört? Und ist das vielleicht auch ein Grund für dich gewesen, warum du nach London ausgewandert bist? Oder hatte das ganz andere Gründe?

Emir: Nein, so etwas gibt es in der Türkei nicht. Du kannst dort ohne Probleme Black Metal hören. Das interessiert da keine Sau. Du kannst auch rassistische oder frauenfeindliche Texte haben oder über Völkermord singen, wofür du im Westen auf dem Index landen würdest. Die Black Metalszene wird vor allem von der Antifa verfolgt, aber die gibt es in der Türkei nicht. Man hat also mehr Freiheiten als im Westen. Erst wenn du über die Regierung oder den Islam herziehst, wirst du dort verfolgt, verprügelt oder getötet. Die einen haben Glück, die anderen nicht. Ansonsten darfst du alles machen. Die meisten Türken können eh kein Englisch und würden Black Metaltexte ohnehin nicht verstehen. Also passiert dir auch nichts. Ich bin übrigens nicht wegen der Metalszene nach London gezogen, sondern wegen der generellen Einstellung der Leute. Die meiste Zeit als Erwachsener habe ich im Ausland gelebt. Ich bin kein türkischer Staatsbürger mehr. Das fühlt sich für mich fremd an. Ich bin nur noch hin und wieder mal dort.    

Daniel: Wenn Leute nach Lesen dieses Interviews, an deinem Zeug interessiert sind, wie können sie dich kontaktieren, um Tonträger und Merchandise zu bestellen?

Emir: Sie können mir eine E-Mail schreiben oder mich bei Facebook adden:

merdumgirizmat@gmail.com

https://www.facebook.com/merdumgirizmat

Daniel: Wie sieht die Zukunft von Yayla aus?

Emir: Immer weiter unkonventionelle Alben veröffentlichen.

Daniel: Alles klar, Emir! Dann gehört dir das Schlusswort!

Emir: Vielen Dank für das Interview, Dan! Metal ist mehr als nur Musik. Sprengt die verdammten Grenzen!

http://merdumgiriz.org/Yayla_Official.html

https://www.facebook.com/yaylaband



Autor: Daniel Müller