AYAHUASCA - Wir wollen Tribal Drums benutzen, progressiv und groovy sein und lange Songs schreiben!


Da ich aus der Fanzine-Szene komme, suche ich mir auch immer gerne Interviews selbst mit Bands, die ich persönlich geil finde. Dadurch wühle ich aber auch viel im Archiv und stoße - quasi durch „Personenkult" - auch immer auf andere Bands beteiligter Musiker, zu denen ich sonst vielleicht gar keinen Zugang bekommen hätte. So entstand Ende 2019 bereits die Idee, ein umfassendes Interview mit Gitarrist Kirill Gromada zu machen, der zeitgleich bei Pripjat, Ayahusca und RaptvrE spielt. Schließlich sind wir uns durch seine Live-Aktivitäten auch schon ein paar Male persönlich über den Weg gerannt.

logoDaniel: HELL-ö Kirill! Na, alles klar? Wir hatten ja besprochen, dass wir ein ausführliches Interview für alle Deine drei Projekte durchführen. Mit Pripjat hatte ich ja schon eins gemacht (allerdings mit Eugen). Lass uns aber trotzdem mal mit Pripjat anfangen, da sie die älteste Deiner drei Combos sind! Wann haben sich Pripjat gegründet? Und wie habt Ihr Euch kennengelernt?  

Kirill: Jein. Also, ja schon, aber Ayahuasca ist quasi die Ausgeburt meiner ersten Band. Kennengelernt haben wir uns im Jahr 2012. Wir waren mit Bobo im Proberaum und wollten Thrash Metal machen und haben einen Song geschrieben. Das war „Toxic“. Und ein oder zwei Tage später war ich in der Live Music Hall in Köln. Da haben wir getrunken und gefeiert, und da bin ich mit dem Eugen ins Gespräch gekommen. Wir kannten uns vorher gar nicht.

pripjatDaniel: Welche Bands haben Euch hauptsächlich beeinflusst? Und inwieweit haben sich diese Einflüsse bis heute geändert bzw. erweitert?

Kirill: Also, ich denke, Slayer waren für uns – oder zumindest für mich – die wichtigste Band für Pripjat. Und natürllich die Klassiker: Metallica, Megadeth usw. Und mit der Zeit – vor allem in der letzten Zeit – sind auch Bands wie Voivod sehr wichtig geworden, weil sie un s in unserer Entwicklung sehr stark angetrieben haben, weil wir gemerkt haben, „Oh, Thrash geht auch anders!“

Daniel: Eure neue Split-CD mit Hell:On klingt ganz anders als Euer älteres Zeug. Habt Ihr diese EP quasi als Experiment genutzt, um Ideen zu verwirklichen, die nicht so recht zu Euren regulären Alben passen wollen? Oder ist dieser erweiterte Stil vielleicht sogar auch wegweisend für Eure zukünftigen Veröffentlichungen?

Kirill: Das ist eher der weisende Weg für die Zukunft. Also, es war erst als Experiment gedacht, aber es hart uns im Endeffekt so gut gefallen, dass wir diese Linie wohl weiter verfolgen werden, was aber nicht heißt, dass wir unseren Wurzeln nicht mehr treu sind. Aber wir fanden es wichtig, uns zu entwickeln, weil es im Thrash Metal sehr viele Bands gibt, die ähnlich klingen. Und man reitet noch auf derselben Scheiße irgendwie rum. Es war auch mal interessant, so ein bisschen den Rahmen zu sprengen. 

Daniel: Ich finde das Cover von der „A Glimpse… Beyond“ Split-CD sehr geil! Von wem stammt es? Und wie seid Ihr mit dem Künstler in Kontakt gekommen?

Kirill: Das ist von einer Freundin von uns, die Ralu. Und sie ist eine ausgezeichnete Comic-Zeichnerin. Wir hatten halt diese Idee, diese Verbindung zwischen Schamanischem und postapokalyptisch-modernem Cyberpunk-Kram. Wir haben ihr dann diese Idee vorgelegt, und wir waren von ihrem Ergebnis völlig begeistert.

Daniel: Wie seid Ihr überhaupt mit Hell:On in Kontakt gekommen? Kanntet Ihr sie vorher schon? Oder war das eine Idee Eures Labels?

Kirill: Das war über Eugen. Er hat nämlich – wenn ich mich recht entsinne – mal mit dem Hell:On-Gitarristen Alex ein Interview geführt. Auf jeden Fall sind die beiden sich begegnet in der Ukraine. Und dann haben sie gesagt, das passt irgendwie ganz gut. Sie sind dann in Kontakt geblieben und wollten dann zusammen etwas machen.

pripjatDaniel: Wo wir gerade bei Hell:On sind, da finde ich doch glatt den Übergang zu Deiner nächsten Band Ayahuasca, da ich finde, dass es da musikalisch durchaus Parallelen gibt, mit den ganzen Tribal Drums usw. Mich erinnert die Musik etwas an Nile, aber auch Septic Flesh, wenn auch mit ganz eigener Note. Ihr habt aber auch dezente Core-Elemente in Eurer Musik (allerdings nur so dezent, dass es mich nicht nervt, haha!). Welche Bands haben Euch für Ayahuasca beeinflusst?

Kirill: Ja, das mit den Parallelen sehen wir auch so, hehe! Da muss ich ein bisschen ausholen tatsächlich, weil Ayahuasca – wie ich schon vorhin erwähnt habe – eine Ausgeburt ist aus meiner ersten Band. Da hatte ich auch schon mit dem Drummer Bobo zusammen gespielt, der ja auch bei Ayahuasca und bei Pripjat spielt. Und wir haben angefangen als eine richtig schlechte Nu Metal-Band. Das hat sich dann über Jahre entwickelt in Richtung Melodic Death wie In Flames, aber auch schon mit Thrash Metal-Einfluss. Wir hießen Hate Seven damals und hatten schon viel Thrash Metal mit drin. Und irgendwann hat sich das dann so ein bisschen aufgespaltet. Ein paar Sachen sind in Richtung Pripjat gedriftet, und die ganzen Melodic Death-Sachen sind dann zu Ayahuasca gewandert, wobei wir noch so eine Symphonic Death Metal-Phase hatten, so in Richtung Fleshgod Apocalypse, aber halt nicht so schnell und nicht so gut, haha! Und irgendwann haben wir gesagt, wir sollen etwas ganz anderes machen. Dann haben wir die Band begraben, Hate Seven, und neue Leute gesucht, weil sie ausgestiegen sind, die dort gespielt haben. Wir wollen Tribal Drums benutzen, progressiv und groovy sein und lange Songs schreiben, so wie Sepultura, Gojira, Opeth, Behemoth und Morbid Angel; also schon ziemlich breit gefächert. Teilweise kamen die Einflüsse auch von ganz woanders, wie zum Beispiel Porcupine Tree, Steven Wilson oder Gorguts.    

Daniel: Was bedeutet der Begriff Ayahuasca überhaupt? Und steht der Bandname in Zusammenhang mit Euren Texten? Worum geht es da genau?

Kirill: Ayahuasca hat mehrere Bedeutungen. Es ist einmal ein Sud, der von Schamanen gemacht und dann eingenommen wird. Im Prinzip ist das eine Droge, aber nichts, womit man sich wegdröhnt, sondern es ist ein Ritual, wo diese Droge eingenommen wird, aber es ist auch die Pflanze mit dem Bestandteil für diesen Sud. Das wird alles Ayahuasca genannt, wobei sich unser Bandname eher auf das Ritual bezieht als auf den Sud selbst. Wir haben uns überlegt, wie wir diese psychedelische Erfahrung mit den positiven und negativen Aspekten zusammenfassen; auch musikalisch. Und da war Ayahuasca als Begriff einfach vielsagend und hat unsere Musik gut beschrieben.     

Daniel: Bei Metal Archives sind fünf Bands mit dem Namen Ayahuasca aufgelistet. War Euch das damals bewusst? Und kam es da schon einmal zu Verwechslungen?

Kirill: Ja, die gab es, haha! Es war uns im ersten Moment nicht bewusst. Wir haben das recherchiert und dann auch erst gesehen. Aber es war uns dann egal. Wir sind dann auch mit der anderen Band, ich glaube, die sind aus Kolumbien, in Kontakt getreten. Aber die sagten nur, „Hey, Namensvettern! Geile Mucke!“, hehe! Einmal gab es aber auch die Situation, als wir das erste Demo rausgebracht haben, dass ein völlig aufgewühlter Fan der anderen Band auch einen Kommentar hinterlassen  und uns Rip-Off vorgeworfen hat. Dabei haben wir ganz andere Musik gemacht. Und da hat sich diese andere Band sogar eingemischt und gesagt, „Nein, die klingen völlig anders als wir. Und ihr könnt uns musikalisch gar nicht vergleichen.“ Wir machen beide Metal, aber das war es auch schon! Sie sind eher eine Death- / Thrash Metal-Band, wobei wir auch einen starken Progressive-Einschlag haben. Es gab schon hier und da diese Verwechslung, aber eigentlich ist der Fall klar. Deswegen haben wir auch in allen Internetportalen unseren Namen geändert in Ayahuasca (GER), damit die Leute wissen, dass wir halt aus Deutschland kommen.

Daniel: Wie lange hat es eigentlich gedauert, die Songs für Ayahuasca zu schreiben und aufzunehmen? Sie sind ziemlich lang und vertrackt…

Kirill: Geschrieben wurden die Stücke im Laufe von etwa zwei Jahren. Das ist ein recht langwieriger Prozess gewesen, weil wir uns wirklich sehr viel Zeit nehmen für die Songs. Da ist jedes Arrangement bis in die letzte Note durchdacht. Das ist aber auch das, was wir wollen. Wir wollen uns diese Zeit nehmen, um am Ende das rauszubringen, wo wir sagen, das ist das, was wir machen wollen. Die Aufnahme selbst und die Produktion hat auch nochmal ungefähr ein Jahr gedauert. Wir machen ja alles selber; von Songwriting bis Produktion und Mastern. Es war auch teilweise problematisch, weil wir während der Session festgestellt haben, weil die Songs nicht immer so wurden, wie wir sie haben wollten. Wir haben dann die Session unterbrochen und die Songs umgeschrieben und neu aufgenommen. Aber es war auf jeden Fall eine Zeit, wo wir sehr viel Erfahrung sammeln konnten. Und im Nachhinein sind wir auch froh, dass wir es so gemacht haben, und dass das Album dann doch so geworden ist, wie wir es haben wollten.      

ayahuascaDaniel: Und wie lange dauerte es, bis die Songs gesessen haben? Ich habe Euch im Mai bei uns in Kamen live gesehen, und das war echt beängstigend arschtight gespielt, und das mit drei Trommlern an Bord?! Dauert so etwas nicht ewig, bis das alles mal funktioniert?

Kirill: Hm, es geht tatsächlich! Die Jungs, die bei uns spielen, sind von einem ähnlichen Schlag wie ich und haben auch ähnliche Herangehensweisen wie ich. Wenn ich zum Beispiel da sitze und die Arrangements erkläre, dann verstehen die Jungs das auch sehr schnell. Das kann man so nicht sagen. Es gibt Songs, die gehen ganz schnell. Nach zwei Proben hat alles gesessen. Wiederum gab es aber auch Songs, die wir in vier verschiedenen Versionen eingeprobt haben, bis die endgültige Version stand. Es wurde viel dran gefeilt und probiert. Das war unterschiedlich. Was zum Beispiel verrückterweise kurz gedauert hat einzustudieren, war so etwas wie „Summoner Of Storms“, unser momentan längster Song. Das ging total schnell über die Bühne. Aber solche Geschichten, wie „Cult“ zum Beispiel, quasi unsere Ballade, haben wir wirklich lange geprobt, bis es endlich so saß, wie wir das auch spielen wollten.

Daniel: Auch hier finde ich das Artwork sehr gelungen! Stammt es von demselben Künstler, der auch das Cover für die Pripjat-/Hell:On-Split-CD entworfen hat?

Kirill: Nein, das Cover-Artwork ist von Remy Cuveillier aus Frankreich. Wir haben seine Kunst gesehen und gesagt, dass das auf jeden Fall das ist, was wir haben wollen. Wir hatten lange vorher selbst überlegt, was wir haben wollen. Wir haben dieses fertige Artwork gesehen bei ihm im Katalog, und dann saßen wir da und haben sofort gesagt, „Ja, das soll es sein!“ Davor hatten wir uns wirklich lange den Kopf zerbrochen, was wir wie haben wollen. Deswegen war es auch ganz cool, dass wir einen Künstler gefunden haben, der etwas produziert hat, wo wir gesagt haben, das trifft genau unseren Nerv, und das ist genau das, was wir haben wollen. 13:51 Min.  

Daniel: Das Ayahuasca-Album erschien im Dezember 2019 noch als teure, aufwendige Doppel-LP (übrigens die bislang einzige Doppel-LP des Labels The Crawling Chaos Records). Wie wichtig ist es Dir als Musiker, dieses alte Kultformat auch in der Neuzeit am Leben zu erhalten?

Kirill: Na ja, das ist natürlich auch immer Ansichtssache, wie man seine Musik konsumiert. Und ich weiß, dass es den Leuten auch wirklich wichtig ist, ein Album auf Vinyl in der Hand zu halten. Für mich als Musiker natürlich, wenn ich überlege, mit sechszehn Jahren, überhaupt mal eine CD von der eigenen Band in der Hand zu halten, ist das schon Wahnsinn, wenn Du dann Jahre später ein Album auf Vinyl hast. Vor allem war die Ayahuasca-LP ja auch sehr aufwendig wegen ihrer Länge und durch unseren Qualitätsanspruch. Eine LP kam für uns nicht in Frage. Man muss ja die „rounds per minute“ hochsetzen, worunter dann aber die Qualität leiden würde. Und dann haben wir gesagt, das machen wir nicht! Wir wollten ein geiles Ding und, so zu sagen, einen „footstep“ hinterlassen. Und als wir das dann in der Hand hielten, war das schon ziemlich geil!

Daniel: Was denkst Du im Gegensatz dazu, über die neumodischen Formate wie MP3 oder Streaming? Kannst Du dem ebenfalls etwas abgewinnen?

Kirill: Also, ich bin ja eh vom komischen Schlag. Ich habe zum Beispiel eine riesige CD-Sammlung. Aber ich bin ja auch ein Kind der Neunziger. Für mich, mein Medium, war immer die CD, das heißt, Vinyl kam bei mir erst später dazu. Streaming nutze ich natürlich auch, weil es einfach so einfach ist, einfach seine App anzuschmeißen. Dann hast Du die Musik aller Welt quasi in Deinem Gerät, wobei Streaming ja jetzt gerade vor allem auch wieder in der Kontroverse steht. Klar, den jungen Künstlern hilft das sehr, um ihre Musik zu verbreiten. Aber rein finanziell gesehen, ist das eigentlich eine Katastrophe und eine Beleidigung jedem Musiker gegenüber.   

raptvreDaniel: Kommen wir noch zu Deinem dritten Projekt: RaptvrE. Auch hier gibt es – wie auch bei Ayahuasca – grob gesehen, technischen Death Metal zu hören. RaptvrE klingen aber viel chaotischer, und ich muss gestehen, solche Musik habe ich echt noch nie gehört! Man kann RaptvrE nicht wirklich in eine Schublade stecken. Auch hier interessiert mich natürlich, welche Bands Dich hier beeinflusst haben! Kirill: Ein starker Black Metal-Einschlag auch! Da ist es unter anderem Morbid Angel auch, solche Bands wie Strigoi oder auch Gorgoroth, Emperor waren ein sehr wichtiger Einfluss für uns, aber auch solche Sachen, wie zum Beispiel Gorguts, also eher dissonanter, avantgardistischer Death Metal. Bei RaptvrE ist das Ding: RaptvrE ist eine Ausgeburt von Stefan Braunschmidt und mir. Stefan ist der Bassist von RaptvrE, und das Songwriting teilten wir uns 50:50. Es war so, dass wir uns lustigerweise auch durch Eugen kennengelernt haben, weil die beiden zusammen gearbeitet haben bei „Gitarre & Bass“, bei dem Farbmagazin, da hat der Eugen mir den Stefan direkt vorgestellt, und jedes Mal, wenn wir uns gesehen haben, haben wir viel miteinander geredet. Wir beiden sind uns sehr ähnlich, was Musik und die Produktion angeht und wie wir Songs schreiben. Und eigentlich hatten wir beide keine Zeit für eine weitere Band. Aber wir haben gesagt, wir machen es trotzdem, weil das einfach Verschwendung wäre, wenn wir beide nicht zusammen arbeiten würden. Und dann haben wir angefangen, uns über E-Mail Demos hin- und herzuschicken, weil wir nicht einmal wirklich Zeit hatten, uns zu treffen, weil wir beide viel gearbeitet haben. Wir haben unsere Bands gehabt. Das Album haben wir innerhalb von anderthalb Monaten geschrieben. Wir haben uns in der Zeit aber nur dreimal getroffen vielleicht.

Daniel: Und woher kommt die Schreibweise mit „v“?

Kirill: Das ist die „Trve Black Metal-Schreibweise“, hehe! Keine Ahnung, wir fanden es einfach cool. Aber nur mal zu erwähnen: Wir ecken da natürlich auch an gewissen Ecken an. Selbst auf der Platte gibt es einen ganz kleinen Vermerk. Wenn man da ein bisschen im Booklet herumsucht, dann gibt es in einer Ecke einen kleinen Vermerk: Untrve Black Metal 2018“.  

Daniel: Anfang des Jahres erschien ein erstes Drei-Track-Demo von RaptvrE, „Feast Upon Their Flesh“. Ein halbes Jahr später folgte das Debüt „Monuments Of Bitterness“. Die drei Songs des Demos sind auch auf dem Album enthalten. Wurden sie extra noch einmal neu eingespielt oder so belassen wie sie sind? Stammen vielleicht sogar alle Songs aus derselben Aufnahme-Session und wurden dann erst nachgelegt?

Kirill: Ja, genau! Die wurden noch einmal, komplett von Grund auf, neu eingespielt. Auf dem Demo hatten wir noch ein programmiertes Schlagzeug, und es wurde rotzig eingespielt von den Instrumenten. Wir wollten schon mal ein Lebenszeichen setzen mit dem Demo. Und die Songs waren auch so gut, dass sie es verdient haben, letztendlich auf der Platte zu landen, mit einem guten Sound, einem guten Mix und mit einer guten Performance und einem echten Schlagzeug.  

Daniel: Der letzte Song auf dem Album heißt „Sumerki… Temnota“. Was bedeutet das? Und worum geht es da genau?

raptvreKirill: Das ist Russisch tatsächlich. Das wird so zwar nie gesungen, aber wir fanden es irgendwie cool, es so zu nennen. Der Song teilt sich in zwei Teile. Der Anfang ist ja eher schleppend und wird dann zum Ende hin sehr- nicht wirklich schnell – aber so „endgültig“. „Sumerki“ ist nämlich die Dämmerung und „Temnota“ die Dunkelheit. Und das Album ist ja lyrisch ein Konzept-Album – ein loses Konzept-Album, muss man dazu sagen – aber ein Konzept-Album, und am Ende geht es im Prinzip darum, dass alles, worum es vorher ging auf dem Album, zusammenführt, und jeder Songtitel bezieht sich um gewisse menschliche und soziale oder gesellschaftliche Schwächen und Vergehen. Und das alles leitet dann im Prinzip diese apokalyptische Endversion ein, und das ist der Song, der große Punkt, der das Album abschließt und sagt, „Okay, es ist irgendwie alles verloren“.

Daniel: Es gibt aber auch ein paar Gemeinsamkeiten bei Deinen Bands: Alle aktuellen Tonträger Deiner Combos sind kürzlich beim Kölner Label The Crawling Chaos Records erschienen. Dass Du ebenfalls in Köln lebst, scheint kein Zufall zu sein. Wie bist Du mit dem Inhaber Holger Johnen in Kontakt gekommen?

Kirill: Wie bin ich mit Holger in Kontakt gekommen? Ich habe bei Facebook tatsächlich gelesen, dass Holger was gepostet oder kommentiert hat. Und ich habe für Ayahuasca damals einen Partner gesucht, um das Album rauszubringen. Und da hatte ich ihn angeschrieben, ihm die Platte geschickt, und dann hat er mir zurückgeschrieben. Und er hatte mich dann zurückgerufen und gesagt, „Das machen wir. Das ist geiles Zeug!“ Alle drei letzten Releases hat der Holger gemacht. Aber der Holger hat sich wirklich als sehr treuer Mitstreiter erwiesen, der an das glaubt, was wir tun und uns tatkräftig, mit allen Mitteln, die er konnte, unterstützt hat. Er hat immer an uns geglaubt und glaubt auch immer noch an uns. Wir arbeiten auch weiterhin mit Holger zusammen. Er ist ein großartiger Typ, und er hat auch einen exquisiten Musikgeschmack. Das schätze ich an ihm sehr, und er ist ein richtig guter Freund mittlerweile. Ich arbeite wirklich sehr gerne mit ihm zusammen.

Daniel: Eine weitere Gemeinsamkeit all Deiner Combos ist die Besetzung. Es fällt auf, dass Du immer mit den Pripjat-Leuten zusammen arbeitest (außer mit Eugen). Ich muss da immer ein bisschen an Mat Sinner denken, der bei all seinen Bands auch immer auf mehr oder weniger dieselben Mitmusiker zurückgreift. Woran liegt das? Ist es Bequemlichkeit? Bist Du in der Vergangenheit oft von anderen Musikern enttäuscht worden und arbeitest lieber mit Musikern zusammen, denen Du vertraust? Ist es Dir wichtig, mit Freunden Musik zu machen? Klär uns mal auf!

Kirill: Also, in erster Linie ist es mir wichtig, mit Freunden Musik zu machen. Also, eine gewisse Chemie in der Band muss schon stimmen, weil eine Band für mich wie meine zweite Familie ist, aber das ist halt meine Familie. Es ist in der Form dann auch egal, ob ich zwei oder drei Familien habe. Ich glaube, es ist ein bisschen irreführend, zu sagen, dass ich mit Pripjat-Leuten zusammen arbeite. Bei Pripjat und Ayahuasca ist die Gemeinsamkeit der Schlagzeuger. Das ist mein bester Freund. Mit ihm habe ich angefangen, Musik zu machen. Er fing an, Schlagzeug zu spielen, als ich anfing, Gitarre zu spielen. Wir waren zusammen in der Schule, und wir sind seitdem wirklich unzertrennlich. Und bei RaptvrE hat er auch nur ausgeholfen, bis wir dann einen eigenen Schlagzeuger gehabt haben. Der Schlagzeuger ist dann ausgestiegen. Und jetzt haben wir ja seit neuestem einen totalen Superstar am Schlagzeug. Das ist nämlich der Corny von Ahab. Der ist kürzlich eingestiegen. Aber der Bobo, der Drummer, ist wie ein Bruder für mich. Und wir haben einen sehr ähnlichen Musikgeschmack und -verständnis. Ich glaube, das hat weniger mit Bequemlichkeit zu tun, sondern eher damit, dass wir einfach so viele gemeinsame musikalische Interessen teilen. Daher kommt das.  

Daniel: Wie kommt es eigentlich, dass Eugen als einziger Pripjat-Musiker nicht auch bei Ayahuasca oder RaptvrE am Start ist? Hatte er keinen Bock? Will er sich nur auf eine Band konzentrieren? Oder womit hängt das zusammen?

Kirill: Ich glaube, das ist Zufall! Aber ich glaube, für Eugen ist eine Band genug.

Daniel: Ich finde es krass, dass sich alle Deine Bands musikalisch ganz drastisch voneinander unterscheiden! Ist Dein Musikgeschmack so breit gefächert, dass gewisse Einflüsse in Deinen Bands keinen Platz haben?

Kirill: Ja, doch!

Nur so machen Nebenprojekte für mich auch Sinn! Gerade in den Neunzigern gab es ja zahlreiche Black Metal-Projekte, die sich sowohl musikalisch als auch besetzungstechnisch sehr ähnelten und eigentlich keinen Sinn ergaben…

Kirill: Genau! Das macht für mich nämlich auch überhaupt keinen Sinn! Das ist völliger Quatsch! Das wollte ich auch gerade sagen, dass ich auch Leute kenne, die dann zwei oder drei Bands haben, und die klingen alle gleich; das ist wirklich ein und dasselbe. Und dann denke ich immer, ich könnte keine zwei Thrash Metal-Bands haben, denn ich müsste mich dann ja ständig entscheiden, welche Songs wo landen. Die Bands müssen schon komplett unterschiedlich sein. Und meine musikalischen Interessen sind einfach so breit gefächert, dass ich mir dann auch gesagt habe, das hätte jetzt dort keinen Platz, ich möchte es aber trotzdem machen.  

ayahuascaDaniel: Und ist es Dir wichtig, dass alle Combos unterschiedlich klingen, selbst wenn Du mehr oder weniger auf dieselben Leute zurückgreifst?

Kirill: Ja, genau! Und die sollen auch unterschiedlich klingen. Klar, es gibt Gemeinsamkeiten, natürlich! Und wir sagen auch, dass RaptvrE ganz nah mit Ayahuasca verwandt ist,  was auch so das allgemeine Mindset angeht. Aber andererseits, der Mulfo, der Gitarrist von Ayahuasca, der kann Black Metal gar nicht ab. Und wenn ich dann mal mit einem Black Metal-Riff bei Ayahuasca ankomme, dann guckt er mich immer gleich so an. Da gibt es auch eine sehr lustige Anekdote zu. Als wir „Summoner Of Storms“ geschrieben haben, den letzten Song auf dem Album - da gibt es ja am Schluss diesen total chaotischen Black Metal-Part – wo es Blastbeats gibt und alle drei Sänger völlig gegen den Takt singen, total das Chaos – da sagte er sofort, er findet den Part total Scheiße. Ich sagte dann, „Komm schon, vertrau mir!“ Und als wir den dann das erste Mal live gespielt haben, kam ein Freund von uns auf uns zu. Der Mulfo stand genau neben mir in dem Moment. Und dann sagte er über „Summoner Of Storms“: „Boah, war das geil!“. Und der Mulfo stand neben mir, sah mich nur an und sagte: „Es tut mir leid, dass ich Dich jemals in Frage gestellt habe!“, haha!    

Daniel: Könntest Du Dir vorstellen, mal ein Konzert mit allen drei Bands – also Pripjat, Ayahuasca und RaptvrE – gemeinsam zu spielen? Vielleicht auch auf einem Festival? Oder wäre Dir das zu anstrengend?

Kirill: Ich würde sagen, das ist so etwas wie ein Lebensziel! Das wird definitiv früher oder später auch einmal passieren!

Daniel: Wie setzt Du eigentlich die Prioritäten für Deine Bands? „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“? Setzt Du Dich gezielt hin und komponierst nur für eine bestimmte Band? Wie gehst Du da vor?

Kirill: Ja, man muss da schon ein bisschen organisierter vorgehen, denn sonst würde etwas anderes ja dafür auf der Strecke bleiben. Natürlich lässt man sich erstmal von seinem persönlichen Feeling her leiten. Denn etwas zu schreiben, worauf man gerade keinen Bock hat, ist nicht gut und nicht gesund. Ich würde definitiv sagen, dass Ayahuasca und Pripjat gleichauf gestellt sind, wobei RaptvrE vielleicht nur ein Prozentchen dahinter hängt. Aber das liegt an dem eigentlichen Deal, als wir die Band gegründet haben. Weil als wir RaptvrE gegründet haben, musste ich natürlich auch zu den anderen Jungs gehen und sagen: „Jungs, ich habe jetzt noch eine dritte Band.“ Die Jungs haben mich angeguckt und gesagt: „Du hast einen Dachschaden!“ Und dann habe ich gesagt: „Ja, aber ich verspreche, die „erstgeborenen“ Bands natürlich Priorität haben!“ Und das war auch der Deal. Und das ist auch völlig in Ordnung so, denn auch Stefan hat seine Band, die übrigens auch ihre Platte bei The Crawling Chaos Records rausgebracht haben: Hvrt. Auch eine großartige Platte! Da konnte ich auch ein bisschen mitwirken. Bei einem Song habe ich mitgesungen. Einen Song habe ich mitgeschrieben. Und ich habe die Vocals für diese Platte gemischt. Das ist dann quasi auch unsere „Schwester-Band“ irgendwo. Aber Pripjat war ja die erste Band, die rausgekommen ist. Wir haben dann parallel an Ayahuasca gearbeitet. Dann hat Pripjat die zweite Platte rausgebracht. Dann kam die „Beneath The Mind“ von Ayahuasca. Dann kam die Pripjat-EP bzw. dieses RaptvrE-Album. Jetzt wird es wieder Zeit für ein Ayahuasca-Album. Wir arbeiten gerade aktiv am zweiten Album. Und dadurch, dass eh jetzt Ayahuasca dran ist, wird natürlich Pripjat einen Schritt zurückgenommen. Wir haben ja gerade erst vor einem Jahr einen Release gehabt. Man muss das also schon ein bisschen organisieren, damit das funktioniert. Aber man lässt sich da aber trotzdem von seiner persönlichen Situation leiten.  

Daniel: Deine Veröffentlichungen folgen momentan schnell aufeinander. Lag das alles lange auf Halde und wurde jetzt erst veröffentlicht? Oder hast Du ein Home Recording-Studio zu Hause, auf dem Du alle möglichen Ideen sofort festhältst? Man hat ja im Moment schon den Eindruck, dass Du voll das Arbeitstier bist, wenn es um Songwriting geht!

Kirill: Ich hoffe doch, hehe! Ja, genau! Zu Hause habe ich ein Studio. Ich habe auch noch ein anderes Studio, wo ich auch arbeite. Ich halte natürlich Ideen fest. Und das 2019 die ganzen Releases aufeinander kamen, hat sich einfach so ergeben. Alles was da kam, habe ich auch in dem Jahr geschrieben und auch produziert. Es wird also nicht wirklich auf Halde gehalten. Sobald etwas fertig ist, wird es rausgebracht. Und jetzt gerade wird an einem neuen Ayahuasca-Release gearbeitet.

Daniel: Für mich kamen RaptvrE letztes Jahr ziemlich überraschend. Folgen demnächst eigentlich noch mehr Bands und Projekte, von denen man noch nichts weiß?

Kirill: Ja, da wird etwas noch kommen. Ich kann aber noch nicht allzu viel dazu sagen, sonst würde ich den Witz daran kaputt machen. Aber es sei so viel gesagt: Da ist eine interessante Kooperation noch entstanden. Ich warte jetzt im Prinzip darauf, dass der Initiator es freigibt. Ich habe immer gerne meine Finger irgendwo im Spiel. Ich habe für einige Bands auch Features mit aufgenommen, wo mich Freunde auch gefragt haben, ob ich nicht Lust hätte, auf einer Platte einen Song zu singen oder so etwas. So etwas mache ich natürlich auch super gerne, und ich fühle mich total geehrt, wenn gute Bands dann zu mir kommen und mich fragen, ob ich nicht mit ihnen arbeiten möchte. Das schmeichelt mir natürlich auch total als Künstler. Ja, aber ich denke, da wird noch einiges kommen.     

ayahuascaDaniel: Was steht in Zukunft bei Pripjat, Ayahuasca und RaptvrE an? Was kommt da noch alles auf uns zu?

Kirill: Genau, mit Ayahuasca arbeiten wir gerade an einer neuen Platte. Mit Pripjat gönnen wir uns tatsächlich gerade eine Auszeit, die wir uns auch, denke ich mal, redlich verdient haben. Wir haben extrem viel live gespielt! Wir haben die letzten neun Jahre eigentlich durchgetourt! Und als dieser ganze Corona-Wahnsinn losgebrochen ist – es ist echt abgefahren, dass zu sagen – aber das war das erste Mal, dass ich froh bin, dass ich nicht von der Musik lebe, hehe! Also zumindest nicht zum größten Teil… Es ist ganz schön, mal durchzuatmen, weil wir immer sehr unter Spannung waren und gar nicht immer richtig gemerkt haben, dass wir gar keine Zeit hatten, uns darüber Gedanken zu machen. Jetzt hatten wir die Zeit. Und wir haben halt festgestellt, dass wir mal ein bisschen auf die Bremse treten müssen, damit wir auch personell wieder auf den Stand kommen, wie wir waren. Die anderen wohnen ja auch etwas weiter weg. Die einzigen, die aus Köln kommen, sind Stefan und ich. Und auch da: Wir wollen uns keinen Druck machen. Es muss von alleine fluppen! Ich bin auch gerade stark mit Ayahuasca eingebunden, damit diese Platte hoffentlich nächstes Jahr rauskommt.    

Daniel: Na gut, Kirill! Dann bist Du endlich von dem Marathon erlöst, haha! Dir gebührt das Schlusswort!

Kirill: Sehr schön! Habe ich ein schönes Schlusswort? Mal überlegen! Querdenker sind Idioten! Bleibt coole Leute und bleibt gesund, hehe!

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https://pripjat-thrash.bandcamp.com/releases

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Autor: Daniel Müller