Heute haben wir uns auf den langen Weg nach Hannover gemacht. Schließlich hatten die Scorpions letztes Jahr ihre Tourdaten abgesagt. Dieses Jahr gibt es nur einen Auftritt in Deutschland; noch dazu erstmals im Stadion ihrer Heimatstadt Hannover. Das Event wurde groß unter dem Motto „Scorpions And Friends“ angekündigt, was im Vorfeld zu großen Spekulationen führte. Würde es wie in Wacken 2006 eine exklusive Setlist mit vielen lange nicht gehörten Klassikern und Gastauftritten einiger Ex-Musiker und vielen Wegbegleitern der Band geben? Lediglich Michael Schenker hatte zuvor betont, dass er definitiv nicht dabei sein würde. Doch auch andere Gäste auf der Bühne bleiben heute aus. Dafür wird allerdings die Veröffentlichung der heutigen Show mehrfach über die Leinwand in den Umbaupausen angekündigt. Die Scorpions sind sich ihrer guten Form also sehr sicher!
Die erste Band heute Abend ist Rosy Vista, eine all-female Hard Rock-Band, von der ich zwar noch nie etwas gehört habe, die aber – mit Unterbrechungen – schon seit 1983 existiert. Hier hat übrigens die 2023 verstorbene Barbara Schenker (jüngere Schwester von Rudolf und Michael) von 1986 bis '88 Keyboard gespielt, wurde mir gesagt. Sie beginnen leider schon pünktlich mit dem Einlass, was dazu führt, dass sie ihren Gig bereits fast beendet haben, als die ersten Menschen ins Stadion strömen. Ich habe nur den letzten Song visuell mitbekommen. Zuvor konnte man aber schon alles gut hören. Sie spielen klassischen Hard Rock im Stil der Siebziger und Achtziger. Frontfrau Anca Graterol, die ursprünglich aus Rumänien stammt, aber seit Jahren in Hannover lebt, hat eine geile, kratzige Rockröhre. Bewegungstechnisch ist auch alles im grünen Bereich. Die Band hat richtig Bock! Ein cooler Opener, der ruhig mehr Publicity verdient gehabt hätte.
Ich bin davon ausgegangen, dass Bülent Ceylan heute nur hier ist, weil er und die Scorpions sich als TV-Promis kennen. Ich habe auch, ehrlich gesagt, eine halbe Stunde Comedy erwartet. Pustekuchen! Ich wusste gar nicht, dass er eine richtige Band hat! Mit offenen Haaren und einem Schottenrock bekleidet und einer Gitarristin namens Julia im Line Up, spielt er modernen, groovigen Metal mit eingängigen Refrains. Ich würde die Musik in etwa mit Oomph! oder Eisbrecher vergleichen. Sie sind nicht so hart wie Rammstein und nicht so seicht wie Unheilig, liegen aber irgendwo dazwischen. Der Comedy-Faktor kommt bei den Ansagen dennoch immer mal wieder durch („Ich bin größer als Klaus Meine.“, „Ihr müsst nicht nur bei ´Wind Of Change´ heulen. Ihr dürft auch mal bei dem Türken heulen.“, „Ich habe den Scorpions versprochen, ihr macht bei mir fast alle mit“). Zudem bangt er auch viel zu den Riffs seiner Band („und das mit 50!“). Die Texte haben durchaus eine positive Message. Nazis und Islamisten kriegen in den Ansagen ihr Fett weg. Selbstironisch bleibt er aber dennoch, denn Türkenwitze gibt es auch, haha! Ich hatte keine Erwartungshaltung an Bülent, finde ihn aber sympathisch und seinen Auftritt auch unterhaltsam!
Das erste Highlight für die meisten heute hier Anwesenden ist aber Alice Cooper. Auf den ersten Tickets stand sein Name noch gar nicht drauf. Er kam erst nach dem Vorverkauf hinzu. Hundert Euro für drei Hard Rock-Legenden sind ein super Preis-Leistungs-Verhältnis! Ich war etwas überrascht, als ich las, dass der Schockrocker mit der Urbesetzung seiner Band aus den Siebzigern ins Studio gegangen ist, um ein neues Album aufzunehmen. Heute steht die Mannschaft auf der Bühne, die man eigentlich seit anderthalb Jahrzehnten kennt. Nach einem Jahr Pause ist auch Gitarristin Nita Strauss wieder zurückgekehrt, die mir live richtig gut gefällt. Sie frickelt viel und rennt wild durch die Gegend. Überhaupt merkt man, dass die Band seit Jahren zusammenspielt. Hier sitzt nicht nur jeder Schlag, sondern auch das Posing. Alice Cooper gibt sich wie eh und je. Mir fällt irgendwann auf, dass er gar keine Ansagen macht. Im Mittelteil von „School´s Out“, bei dem auch „Another Brick In The Wall“ von Pink Floyd angestimmt wird, redet er dann auch endlich mit dem Publikum, um die Band vorzustellen. „Finally, Alice Cooper is talking to you!“. Ja, er redet von sich immer in der dritten Person, da er einen bestimmten Charakter spielt. „Playing the part of Alice Cooper tonight: Me!“ stellt er sich ganz am Schluss noch selbst vor. Die Setlist ist Bombe! Alle Hits sind am Start. Die beiden neuesten Songs sind „Hey Stoopid“ und „Feed My Frankenstein“, und die sind immerhin schon von 1991 (übrigens mein erstes Album von ihm, als ich anfing, Metal zu hören! Damals war es gerade raus). Die Guillotine bei „I Love The Dead“ hat genauso wenig gefehlt wie der übergroße Frankenstein, der aussieht wie eine Mischung aus Alice Cooper-Parodie und Gargamel. Auf Soli der einzelnen Musiker (außer von Nita Strauss) hat man heute verzichtet. Richtig so! Trotzdem hat Alice Cooper scheinbar viel Zeit, sich ständig umzuziehen. Weggehen sehen habe ich ihn nie, aber dennoch hat er gefühlt bei jedem Song eine andere Jacke an, haha! Zwei große Namen folgen jetzt noch. Man darf gespannt sein, wie das noch zu überbieten sein soll!
Setlist: Intro (Lock Me Up), Welcome To The Show, No More Mr. Nice Guy. I´m Eighteen, Under My Wheels, Bed Of Nails, Billion Dollar Babies, Hey Stoopid, Go To Hell, Poison, Vincent Price-Intro (The Nightmare), Black Widow, Ballad Of Dwight Fry, Killer, I Love The Dead, School´s Out (incl. Another Brick in The Wall), Feed My Frankenstein
Ich hatte Judas Priest erst Anfang letzten Jahres in Dortmund gesehen. Ich fand sie – entgegen der Meinung aller anderen, die da waren – doch eher zwiespältig. Ich fand weder den goldenen Glitzermantel von Rob Halford sehr true, noch war viel Bewegung drin. Richie Faulkner stand meist regungslos da und schien mit dem Rest der Band nicht viel zu tun zu haben. Synchrones Posing gab es auch nicht so, wie man es von der Band gewöhnt war. Ich hatte erst später gelesen, dass Richie wohl einen Schlaganfall hatte und deshalb in seiner Bewegung beeinträchtigt war. Heute ist aber alles im Lot! Die Band steht einheitlich in schwarzer Ledermontur auf der Bühne. Synchron Headbangen gibt es auch! Rob Halford wirkt heute viel selbstbewusster als letztes Jahr und gefällt mir auch gesanglich deutlich besser! Und was ist das heute für eine Setlist! 35 Jahre „Painkiller“ sollten auf dieser Tour gefeiert werden, und tatsächlich besteht etwa die Hälfte der Setlist aus diesem Meisterwerk (das übrigens auch mein erstes Album der Band zu meinen Metal-Anfangszeiten war, als es aktuell draußen war!). Somit mein zweiter Nostalgietrip heute! Wenn man mit „All Guns Blazing“ und „Hell Patrol“ anfängt, kann eigentlich eh nichts mehr schiefgehen, oder? Aber es kommt noch besser! Bis auf „Gates Of Hell“ vom aktuellen Album „Invincible Shiled“ haut man einen Klassiker nach dem anderen raus. Das wirkt sich auch positiv auf das Publikum aus, das richtig mitgeht. Das Gitarrenduo posiert, das Schlagzeug rattert in maschineller Perfektion, der Gesang kommt kraftvoll, und der Bühnensound ist auch toll. Natürlich kommt Rob Halford wieder mit einer Harley auf die Bühne. Beim letzten Song trägt er eine kultige Kutte auf Mantellänge; natürlich authentisch mit einem Judas Priest-Rückenaufnäher. Geil! Übrigens finde ich es super, dass sie heute das poppige „Turbo Lover“ weggelassen haben, das ich noch nie ausstehen konnte! Nach knapp 75 Minuten ist das kurzweilige Set beendet. Und Judas Priest festigen heute ihren Status als Metal-Götter. So gut wie heute habe ich sie wirklich schon seit Jahren nicht mehr gesehen!
Setlist: All Guns Blazing, Hell Patrol, You´ve Got Another Thing Comin´, Freewheel Burning, Breaking The Law, A Touch Of Evil, Night Crawler, Solar Angels, Gates Of Hell, Between The Hammer And The Anvil, Painkiller, Hell Bent For Leather, Living After Midnight
45 Minuten Wartezeit wird uns vom Moderatoren-Team mitgeteilt. Diese verdoppelt sich aber locker. Überbrückt wird dies – wie übrigens alle Umbaupausen heute – mit Videogratulationen prominenter Musiker, unter anderem Black Sabbath, Paul Stanley, Dee Snider, Europe, Bon Jovi, Doro Pesch und vielen anderen. Für mich sehr überraschend, kommt sogar Tom Morello von Rage Against The Machine zu Wort. Keine Ahnung, warum die Scorpions heute so lange auf sich warten lassen. Ich werde ein bisschen skeptisch. Denn was hat man letzte Woche alles über die Band gelesen, als sie Festivals, unter anderem in Spanien, spielten: „Klaus Meine brauchte fünf Songs, um sich einzusingen.“, oder: „Nach drei Liedern sind wir gegangen“ etc. Ich habe die Band vor zwei Jahren in Dortmund gesehen und war auch zwiegespalten. Nur neunzig Minuten gespielt, davon bestimmt zwanzig instrumental. Klaus Meine traf zwar jeden Ton, sah aber zwischen den Gesangspassagen immer sehr angestrengt aus. Mittlerweile hat er sogar eine Rücken-OP hinter sich. Die Show ist heute auf jeden Fall so ausgelegt, dass er genügend Zeit hat, seine Stimme zu schonen. Der Opener „Coming Home“ (welcher auch sonst, wenn man ein Heimspiel hat?) beginnt balladesk und gefühlvoll, bevor es richtig losgeht. „60 Jahre Scorpions! Es war ein langer Weg von Sarstedt bis in die Heinz-Von-Heiden Arena. Dazwischen haben wir die ganze Welt bereist.", begrüßt Klaus Meine das Publikum. Mit „Gas In The Tank“ folgt der einzige neue Song vom aktuellen Album „Rock Believer“. Mit „Coast To Coast“ gibt es das erste Instrumental heute, bei dem Klaus Meine sogar Gitarre spielt. Er macht dabei nicht viel, ich finde es aber immer schön zu sehen. Die Uli Jon Roth-Ära der Siebziger wird lediglich mit einem Medley aus „Top Of The Bill“, „Steamrock Fever“, „Speedy´s Coming“ und „Catch Your Train“ abgearbeitet. Schade! Die eine oder andere Überraschung hätte mich schon gefreut.
Auch wenn das Jubiläum in der Heimatstadt ein besonderes Ereignis ist und viele Erwartungen bei den Fans weckte: Die Setlist ist im Prinzip identisch mit der der letzten zwei Jahre. Lediglich über „I´m Leaving You“ vom 1982er „Blackout“-Album bin ich etwas verwundert, weil sie ihn gerne auch mal weglassen. Dafür ist leider „Dynamite“ nicht mehr im Set. Nach „Bad Boys Running Wild“ wird Klaus Meines Stimme wieder geschont, und es gibt das von Matthias Jabs geschriebene „Delicate Dance“. In der Mitte des Sets gibt es dann direkt im Anschluss den Balladen-Block mit „Send Me An Angel“ und „Wind Of Change“. Beide Songs – und das später noch kommende „Tease Me, Please Me“ - stammen übrigens vom 1990er Album „Crazy World“, das – wie schon „Hey Stoopid“ bei Alice Cooper und „Painkiller“ bei Judas Priest – mein Einstieg in die Band und in die Metalszene war. All diese Alben sind heute die neuesten, die von den Bands berücksichtigt werden (bis auf die beiden bereits erwähnten Ausnahmen bei den letzten beiden Acts). Nach dem für mich etwas überraschenden „I´m Leaving You“ gibt es ein weiteres Instrumental mit Bass und Schlagzeug, das als Mittelteil ein langes Drum-Solo von Mikkey Dee beinhaltet, das im Großen und Ganzen dem Solo ähnelt, das er auch bei Motörhead immer gespielt hat. Ich finde übrigens, dass man ihm seine Vergangenheit immer noch anmerkt, denn er kommt mir heute deutlich lauter vor als der ganze Rest, der heute auf der Bühne gestanden hat. Die Hymne „Big City Nights“ sorgt noch einmal für Stimmung, bevor man mit der Ballade „Still Loving You“ den regulären Set beendet. Zahlreiche Plektren und Drumsticks werden ins Publikum geworfen. Ist hier etwa schon Schluss? Nein, die Band geht zwar von der Bühne, doch ein riesiger Skorpion steigt an der Bühnenwand auf, und die Scorpions legen standesgemäß mit „Blackout“ und „Rock You Like A Hurricane“ nach. Es gibt noch ein paar Dankesreden, doch dann ist nach knapp zwei Stunden doch Schluss. Ein legendärer Abend geht zuende!
Setlist: Coming Home, Gas In The Tank, Make It Real, The Zoo, Coast To Coast, Medley: Top Of The Bill / Steamrock Fever / Speedy´s Coming / Catch Your Train, Bad Boys Running Wild, Delicate Dance, Send Me An Angel, Wind Of Change, Loving You Sunday Morning, I´m Leaving You, New Vision (Bass- and Drum Solos), Tease Me Please Me, Big City Nights, Still Loving You, Blackout, Rock You ike A Hurricane
Tja, was soll ich sagen? Auch wenn die Setlist vorhersehbar war und Gastauftritte ausblieben (die „Friends" waren wohl alle im Vorprogramm oder im V.I.P.-Bereich...), war es eine tolle Party! Die Licht- und Pyroshow sowie das Feuerwerk am Ende der Show waren phänomenal. Auch die Leuchtarmbänder, die am Einlass verteilt worden waren, sorgten für geile Lichteffekte. Klaus Meines Gesang war – entgegen aller Kritiker – völlig okay. Auch wenn er manchmal für meine Begriffe etwas dünn klang, traf er alle Töne (Übrigens habe ich am nächsten Morgen ein paar YouTube-Videos gesehen, wo er super klang! Das kann unmöglich über Nacht schon professionell bearbeitet worden sein! Vielleicht verflog der Sound etwas dort, wo ich stand). Jedenfalls sehen alle 45.000 Gesichter glücklich aus, als sie das Stadion verlassen, und auch am nächsten Morgen beim Frühstück im Hotel bleibt die Resonanz der Konzertbesucher positiv! Ein besonderer Dank gilt Carola Kempe für die Fotos, die sie aus dem viel näheren Golden Circle gschossen hat!











































