HARKON - Die Wege des Heavy Metal-Herrn sind unergründlich!


Wer im Ruhrpott unterwegs ist, wird sicherlich schon häufig über den Namen The Very End gestolpert sein. Harkon sind mehr oder weniger ein Ableger, wenn man so will. Zwar hat man sich bereits 2017 gegründet, doch erst jetzt ist das Debüt-Album „Love And Vore“ erschienen. Warum es so lange gedauert hat, wie es dazu kam und wie es weitergeht, schildert uns Sänger Björn Gooßes, der mir ausführlich und geduldig Rede und Antwort stand!

logoDaniel: Hi Björn! Erzähl uns doch zunächst, wann und wie es zur Gründung von Harkon kam!

Björn: Hi Daniel! Es begab sich Anno 2016, dass Volker und ich beim Graspop Festival mit ´nem kalten belgischen Bierchen auf der Wiese saßen und auf Black Sabbath warteten. Er offenbarte mir dann, nach seinem Ausstieg bei The Very End nun doch wieder so ein Jucken in den Fingern zu spüren und eben wieder in ´ner Band spielen zu wollen, die aber eine deutlich hardrockigere Ausrichtung als The Very End haben solle. Im gleichen Atemzug fragte er mich, ob ich mir vorstellen könne, in einer solchen Band zu singen. Ja, konnte ich. Und jetzt haben wir den Salat!

Daniel: Welche Bands zählen zu Euren Haupteinflüssen?

Björn: Nur die allerbesten! Aber ohne Witz – Diese Frage kommt oft, und ich finde sie immer ein wenig befremdlich. Denn wie äußert sich so ein Einfluss, woran will oder kann man den festmachen? Die Songs, die ich am Häufigsten höre, sind musikalisch derart weit von dem entfernt, was Harkon machen, dass es beinahe absurd wäre, sie als Einfluss zu nennen. Und bei den anderen Jungs ist es mindestens zum Teil auch so. Denn egal, was einen musikalisch beeindruckt und inspiriert, so jagen wir doch erstmal alles durch die eigenen kreativen Filter, und dann ein weiteres mal durch den kollektiven Filter im Proberaum. So bleibt am Ende oft von einem vermeintlichen Einfluss nicht mehr wirklich viel übrig. Daher ist es meines Erachtens müßig, ob man nun beispielsweise Udo 1 oder Udo 2 als Einfluss nennt, denn zwischen Lindenberg und Dirkschneider sind die Wege des Heavy Metal-Herrn schließlich unergründlich!

Daniel: Worum geht es in Euren Texten? Und gibt es eine Art „Message“, die Ihr damit vermitteln wollt?

Björn: Meine Texte lesen sich retrospektiv oft wie Tagebucheinträge. Natürlich songdienlich verpackt und metaphorisch umgesetzt, denn meine persönliche Geschichte dürfte wohl auf nicht allzu breites Interesse stoßen. Und ich mag es sehr, wenn wildfremde Menschen sich dennoch bis zu einem gewissen Grad selber in den Texten wiederfinden können, die sich im Weitesten Sinne ums Menschsein drehen. Mit all den damit einhergehenden Dramen, Komödien, Siegen und Niederlagen. Eine Message im Sinne eines erhobenen Zeigefingers oder einer wie auch immer gearteten Handlungsempfehlung gibt es allerdings nicht. Aber man kann sicherlich so einige Denkanstöße finden, nicht nur zwischen den Zeilen.

Daniel: Du spielst auch bei The Very End. Euer Gitarrist Volker Rummel war ebenfalls dort. Wo liegen für Dich genau die Unterschiede zwischen Harkon und The Very End; sowohl musikalisch als auch textlich?

Björn: The Very End sind halt ´ne ganze Spur härter als Harkon. Bei Harkon singe ich auch ja auch ausschließlich melodisch, und wir verorten uns eher im klassischen Heavy Metal, während The Very End sicherlich eher in eine Thrash-/Death-Richtung gehen. Natürlich gab bzw. gibt es auch Parallelen. Volkers Handschrift erkennt man sicher sowohl bei The Very End als auch bei Harkon, und da ich bei beiden Bands der alleinige Texter bin, gibt es da auch Überschneidungen. Aber während die The Very End-Lyrics ein Freudenfest für Nihilisten und Misanthropen sind, lasse ich bei Harkon auch mal ´nen fragilen Sonnenstrahl durch die Wolkendecke scheinen.

Daniel: Ich finde, dass die Musik von Harkon sehr melancholisch klingt. War das so beabsichtigt? Oder hat sich das eher zufällig ergeben?

Björn: Die Songs, die sich am Tiefsten in Herz und Gehörgänge bohren, waren zumindest bei mir seit jeher die traurigeren. Moll ergibt auch einfach mehr Tiefe als Dur. Gute-Laune-Metal überlassen wir gerne anderen. Dennoch ist das nicht zwingend ´ne bewusste Entscheidung. Wir schreiben sehr intuitiv, und das kommt nun mal so aus uns raus...

harkonDaniel: Ihr habt Euch bereits 2017 gegründet, jetzt aber erst Euer Debüt-Album veröffentlicht. Warum hat es so lange gedauert?

Björn: Gut Ding will manchmal einfach Weile haben. Bedachtes Songwriting mit genug Reifezeit für gut abgehangene Songs spielen dabei vermutlich genau so eine Rolle wie die ausbremsende Pandemie (Wir schreiben halt lieber zusammen im Proberaum statt isoliert im stillen Kämmerlein) oder die Tatsache, dass Harkon trotz aller Passion nun mal nicht unser Lebensmittelpunkt ist. Selbständigkeit, Familie, das Leben an sich – alles wirkt sich mal mehr mal weniger auf das Bandleben aus. Zu guter Letzt dauerte es für eine kleine Band wie Harkon auch ein Weilchen, ein Label zu finden. Und ein Album-Release geht dann ja auch nicht mal eben in zwei Tagen über die Bühne, sondern bedarf wiederum einiger Vorbereitungszeit. Gerade, wenn auch auf Vinyl veröffentlicht werden soll, wie bei „Love And Vore“ geschehen. Wie Du siehst, ging es also eigentlich recht schnell zwischen der EP und dem Album!

Daniel: Wie lange hat es überhaupt gedauert, die Songs für das Debüt zu schreiben? Wo habt Ihr aufgenommen? Und wer hat produziert?

Björn: Das kann ich gar nicht genau sagen. Wir haben dabei nie auf die Uhr geguckt. Produziert haben wir selber. Zwar in Kooperation mit Cornelius Rambadt in seinem Rambado Recordings Studio (u.a. Disbelief, Sodom, The Very End, Bonded), der das Album auch gemischt hat, aber da muss ich halt kurz Korinthen kacken, denn der Begriff „Produktion“ wird oft einfach falsch verwendet. Die meisten meinen damit lediglich den Klang und Mix eines Albums. Der ist natürlich Teil einer Produktion, während letztere aber alle Aspekte des Albums umfasst und eben nicht nur den Sound. Gemastert hat übrigens Dennis Koehne (unter anderem Lacuna Coil, Caliban, Orden Ogan). Für die Bandfotos haben wir mit Sebastian Freitag zusammengearbeitet, und das Artwork stammt aus meiner Feder.

Daniel: Euer Album gibt es auf CD und auf Vinyl. Wie wichtig ist es Euch, in Zeiten der digitalen Downloads und Streams, die alten Sammlerformate aufrecht zu erhalten?

Björn: Auch wenn ich selber zu 99 % streame, würde ich es für einen Fehler halten, ein Album lediglich digital anzubieten – eben weil es noch viele Sammel-Nerds gibt. Und auch als Streamer ist es ein gutes Gefühl, das eigene Album tatsächlich den Händen halten zu können.

Daniel: Eure LP-Version gibt es in drei verschiedenen Farben; eine Vermarktungsstrategie, die heutzutage Standard ist? Was hältst Du davon, wenn es so viele verschiedene Versionen eines Tonträgers gibt? Und hattet Ihr auch ein Mitbestimmungsrecht bei der Farbauswahl?

Björn: Es sind eigentlich sogar vier Vinyl-Versionen, aber das „Liquid Filled“ befindet sich zum Zeitpunkt dieses Interviews noch in Produktion. Ich würde das auch weniger als „Vermarktungsstrategie“ bezeichnen, sondern als schönes Angebot für vorhin genannte Sammel-Nerds, was jenen eben etwas Besonderes bietet, was über das klassische schwarze Vinyl hinausgeht. Und klar, wir arbeiten ja nicht für Doc Gator Records, sondern mit ihnen und besprechen so etwas gemeinsam.

Daniel: Wie seid Ihr überhaupt mit dem Label Doc Gator Records in Kontakt gekommen?

Björn: Ich kannte Frank von Doc Gator Records über Ghosther und ein gemeinsames Corona-Bandprojekt namens The Virus Project, bei denen Musiker von unter anderem Greydon Fields, Wolfskull und eben auch Ghosther und The Very End/Harkon teilnahmen. Ich hab´ ihm unser Presskit auf´s Auge gedrückt, und er war begeistert. Scheinbar fand der zweite Docgatoraner Oli das Album auch gut, und somit war der Deal eingetütet.

Daniel: Spielt Ihr eigentlich auch live? Oder beschränkt Ihr Euch auf Studio-Arbeit?

Björn: Deine Frage beweist jedenfalls, dass wir zu selten live spielen! Sowohl Studio-Arbeit als auch Gigs haben ihre individuellen Reize, aber unter´m Strich ist ein Konzert doch das, wofür es sich als Band lohnt, das Ganze überhaupt zu machen. Die Energie zwischen Bühne und Auditorium, der Austausch mit dem Publikum, die eigene Musik mit Leben zu füllen – das ist der wahre Scheiß!

harkon  Daniel: Dass die Wartezeit bis zum Debüt so lange gedauert hat, lässt vermuten, dass Ihr nicht permanent an Songs arbeitet. Handelt es sich bei Harkon also nur um ein Projekt für zwischendurch oder um eine richtige Band?

Björn: Ich hab´ keine Ahnung, wo Du da die Grenze ziehen willst. Natürlich sind wir ´ne Band. Leben wir davon oder drehen sich all unsere Gedanken rund um die Uhr um Harkon? Nein! Sind wir ein Projekt für zwischendurch, was im Partykeller mal zwischen Grill und Bier sporadisch betrieben wird? Auch nein! Aber lieber doktern wir fünf Jahre an ´nem Album, was uns dann selber auch begeistert, als uns irgendeinem unsinnigen Druck aus- und halbgaren Mist abzuliefern.

Daniel: Was ist in Zukunft noch im Hause Harkon geplant?

Björn: „Love And Vore“ möglichst vielen Menschen nahe zu bringen, denn das hat das Album verdient. Alle, deren heavymetalistische Geschmacksknospen noch halbwegs vernünftig arbeiten, würden schließlich was verpassen, wenn sie „Love And Vore“ verpassten. Und live spielen, wir wollen dringend öfter live spielen!

Daniel: Na gut, Björn! Dann gebührt Dir noch das Schlusswort!

Björn: (1) Heavy Metal Is The Law! (2) Seid lieb zueinander! (3) Nie wieder ist jetzt!



Autor: Daniel Müller