WITCHER - Kein Platz in der modernen Gesellschaft und wichtige Werte aus der Vergangenheit!


Ich bin seit Jahren ein großer Fan der ungarischen Atmospheric Black Metal-Band WitcheR, von denen ich alle Tonträger besitze. Das neue Album hatte ich mir auch direkt geordert. Witzigerweise habe ich von Markus Eck von Metalmessaage Promotion, mit dem wir seit Jahren zusammenarbeiten, eine Interview-Anfrage bekommen. Und da Roland Neubauer, der Gründer von WitcheR, zu den wenigen Musikern gehört, mit denen ich nicht persönlich über Facebook und Co. vernetzt bin, konnte ich dieses Angebot nicht ausschlagen! Dafür dass das Interview sehr lang und ausführlich geworden ist, kamen die Antworten auch ziemlich flott zurück!

logoDaniel: Hi Roland! Bitte erzähl uns doch zuerst, wann und wie Du WitcheR ins Leben gerufen hast!

Roland: Grüß Dich, Daniel, und Eure Leser! Die Geschichte von WitcheR geht zurück bis ins Jahr 2010. Nachdem Karola und ich die Band Trollheimen verlassen hatten. Wir wollten nicht aufhören, Musik zu machen, aber wir wollten keine große Besetzung mit regelmäßigen Proben und Konzerten. Weil wir beide Summoning sehr mögen, wollten wir etwas Ähnliches in der Richtung machen. Unser Ziel war es, Black Metal mit einer starken Atmosphäre zu erschaffen. Und wir sind immer noch hier und entwickeln uns immer weiter.

Daniel: Welche Bands zählen zu Euren Haupteinflüssen?

Roland: Wie gesagt: Unser größter Einfluss sind wohl Summoning, aber auch alte Dimmu Borgir sollten definitiv erwähnt werden. Karola kommt mehr aus dieser Richtung, hat aber auch einen starken klassischen Hintergrund. Sie ist eine gelernte Musikerin, und Musik hat schon in ihrer Kindheit eine große Rolle gespielt. Ich wiederum komme eher von der orthodoxen Black Metal-Seite. Ich mag den rohen Sound, speziell aus Norwegen, Schweden und Deutschland. Zu meinen Favoriten gehören Bands wie Burzum, Mayhem, Dark Funeral oder Nargaroth.

Daniel: Worum geht es in Euren Texten? Und woher nimmst Du die Inspiration dafür?

Roland: In unseren Texten geht es vor allem darum, dass wir unseren Platz in der modernen Gesellschaft nicht finden, und wie wichtig die Werte aus der Vergangenheit für uns sind. Wenn Du so willst, drückt jeder Text aus, dass Hexerei unsere Form des Widerstandes gegen das moderne Zeitalter ist. Einige Songs zeigen dies direkter, in anderen wird es eher symbolisch geschildert. Es gibt sogar ein paar Texte, die sich auf örtliche Hexenlegenden beziehen.

Daniel: Ihr hattet bislang ausschließlich ungarische Texte. Warum? Würdet Ihr mit englischen Texten nicht vielleicht viel mehr Hörer erreichen, die jeder versteht?

Roland: Ich weiß nicht, wie Menschen aus anderen Ländern die ungarische Sprache wahrnehmen, aber meine Muttersprache klingt auf ihre Weise schön. Sie ist reichhaltig und voller unzähliger Ausdrücke, die unmöglich mit nur einem Wort ins Englische zu übersetzen sind. Ich glaube nicht, dass WitcheR durch die Sprache an Fans verlieren wird. Sieh Dir nur Rammstein an: Die deutsche Sprache hat sie auch nie aufgehalten. Dank meines Freundes Zoltán Szele (mit dem ich auch bei Frozen Wreath spiele), haben wir immer englische Übersetzungen unserer Texte, die die Botschaft perfekt überbringen. Ich denke, dies reicht anderen, um zu verstehen, worum es in unseren Texten geht. Bis jetzt habe ich jedenfalls noch nie von einem Fans mitbekommen, dass sie unsere Musik nicht hören, weil unsere Texte auf Ungarisch sind. Und, ehrlich gesagt, würde es auch gegen meine Prinzipien verstoßen, wenn ich nicht in meiner Muttersprache singen würde. Das ist mir sehr wichtig

witcherDaniel: Eure Songs sind immer sehr lang (oft zwischen sieben und zehn Minuten)! Wie kommt das? Plant Ihr das von Anfang an so? Oder ergibt sich das eher zufällig?

Roland: Es ist überhaupt nicht geplant, dass die Songs jedes Mal so lang werden. Wir sind meist selbst überrascht. Oft ist es sogar ein Nachteil, dass unsere Songs nicht nur vier oder fünf Minuten lang sind. Vielleicht machen wir das eines Tages einmal. Aber für usner fünftes Album konnten wir zum Beispiel keine kürzeren Songs schreiben. Wir wollen uns nicht selbst limitieren. Wenn die Atmosphäre nach einem langen Song schreit, dann geben wir dieser Versuchung nach.

Daniel: Am Ende eines jeden Albums habt Ihr ein klassisches Stück vertont. Ich höre persönlich überhaupt keine Klassik, erkenne diese berühmten Melodien also auch nicht immer, obwohl mir die Namen der Komponisten natürlich ein Begriff sind, haha! Für mich klingen sie häufig wie normale Outros. Wie groß ist Euer klassischer Einfluss für WitcheR überhaupt?

Roland: Ja, das stimmt. Das ist bei uns Tradition geworden, ein Klassik-Stück ans Ende eines jeden Albums zu packen. Wir wollen zeigen, wie vielseitig dieses Genre sein kann. Und wenn man die Songs richtig arrangiert, könnte man auch denken, dass es sich auch um Black Metal-Stücke handeln könnte. Wenn Du sie für lange Outros hältst, ist das auch völlig in Ordnung. Wie groß sind unsere klassischen Einflüsse? Wie schon gesagt, hat Karola eine klassische Musikausbildung. Deswegen hat sie dieses Genre auch unbewusst beeinflusst. Ich habe mich damit erst viel später beschäftigt; teilweise auch durch Karolas Einfluss. Und ich denke, das ist in unserer Musik klar erkennbar, vor allem bei den symphonischen Parts, denn Karola spielt, wie klassische Musiker der alten Schule, nach Noten.

Daniel: Obwohl Ihr jedes Mal ein klassisches Stück ans Ende der Alben setzt, gab es dennoch im letzten Jahr eine komplette EP mit klassischen Vertonungen. Wie kam es dazu? Welche Idee steckte dahinter?

Roland: Das stimmt! Du meinst „Boszorkányszimfóniák (Witchsymphonies)“. Der eigentliche Plan war, ein komplettes Album in dem Stil zu machen. Aber wir hatten nur Zeit für eine EP. Überraschenderweise bekam die sie ein sehr positives Feedback! Deswegen würde ich es nicht ausschließen, so etwas noch einmal zu machen. Es gab keinen bestimmten Auslöser dafür. Wir wollten einfach sehen, wie all diese Arrangements auf einem Album zusammenpassen würden. Wir fanden das Ergebnis so gut, dass wir es veröffentlichen wollten. Und ich finde, dass die EP unser bisher schönstes Artwork hat.

Daniel: Ich liebe alle Eure Artworks! Von wem stammen sie? Und wie seid Ihr mit dem Künstler in Kontakt gekommen?

Roland: Für die letzten vier Veröffentlichungen haben wir mit einem ungarischen Künstler namens Balázs Pénzes (Grafit & Hamu Artworks) gearbeitet, der ein guter Freund von uns geworden ist. Balázs ist nicht nur sehr talentiert, sondern er versteht auch perfekt die Welt, die wir repräsentieren; sowohl was die Musik als auch die Folklore angeht. Wir verstehen uns praktisch ohne Worte. Es ist sehr entspannt, mit ihm zu arbeiten. Und er hat uns noch nie enttäuscht. Wir wollen auch in Zukunft mit ihm weitermachen, weil sein Stil mittlerweile zu einem festen Bestandteil des WitcheR-Universums geworden ist.

witcherDaniel: Ihr habt bisher all Eure Tonträger auf CD, aber auch auf Vinyl und auf Kassetten veröffentlicht. Wie wichtig ist es Euch, die alten Formate am Leben zu erhalten? Ist es für einen Musiker nicht ohnehin viel schöner, einen richtigen Tonträger in den Händen zu halten, anstatt einfach nur digitale Dateien im Internet versauern zu lassen?

Roland: Schau mal, so wie Du, sind auch wir von der alten Schule. Wir kommen aus einer Zeit, wo wir Musik immer selber kaufen mussten, oder wir haben es uns besorgt und auf Kassette überspielt. Das ist für uns ganz natürlich, und bis heute lieben wir es, Zeit in Plattenläden zu verbringen und richtige Tonträger zu kaufen. Wenn es ein Album nr digital gibt, fühlt es sich für mich so an, als sei es gar nicht veröffentlicht worden. Und das sage ich, obwohl sich physische Editionen weit weniger verkaufen als digitale Streams angeklickt werden. Also, solange wir die Möglichkeit haben, werden wir weiterhin physische Tonträger rausbringen.

Daniel: Bist Du denn selbst auf Musiksammler bei Bands, die Du magst?

Roland: Natürlich sind Karola und ich große Musiksammler. Und wir versuchen, jedes Album zu kaufen, das wir in die Hände bekommen können. Ob es nun ein Album einer Lieblings-Band oder eines Newcomers ist, ist dabei völlig egal. Wir lieben es, uns Originale in die Sammlung zu stellen.

Daniel: Soweit ich weiß, waren WitcheR bislang nur als Studioprojekt aktiv. Könntest Du Dir vorstellen, Dir Session-Musiker zu suchen und auch live zu spielen?

Roland: Die kurze Antwort lautet „Ja“. Die längere ist, dass es ziemlich kompliziert wäre. Es ist nicht so, dass wir es nicht genießen würden, auf der Bühne zu stehen und live zu spielen! Aber es wäre schwierig, geeignete Session-Musiker zu finden, die die professionelle Performance hinlegen und unsere visuelle Präsentation voll verstehen würden.

Daniel: In der Vergangenheit gab es auch ein paar Split-Veröffentlichungen von Euch. Wie kam der Kontakt zu den anderen Bands zustande? Und war es Dir wichtig, dass die anderen Bands musikalisch auch immer zu Euch passten?

Roland: So viele waren es gar nicht; vielleicht zwei. Eine war mit Velm, die ungefähr gleichzeitig mit uns angefangen haben. Wir hatten guten Kontakt zu ihnen. Deswegen war es klar, dass wir etwas mit ihnen zusammen machen würden. Die andere war mit Vrag, was natürlich ein anderes Projekt von mir war.

Daniel: Du hast noch zwei weitere Projekte am Start: Vrag und Frozen Wreath. Mit allen dreien machst Du Atmospheric Black Metal; mal mehr, mal weniger. Wo genau liegen für Dich also die Unterschiede, sowohl musikalisch als auch textlich?

Roland: Das stimmt. Vrag ist mehr Black Metal der orthodoxen Art. Die Musik ist nicht so atmosphärisch, und ich mache dort alles alleine. Mein Songwriting ist da viel wilder und befreiter. Textlich geht es um den Hass, der sich in mir anstaut. Frozen Wreath ist dagegen viel mehr mit meinem Kollegen Zoltán Szele verknüpft, denn er schreibt die komplette Musik und nimmt alles im Alleingang auf. Ich schreibe nur die Texte und übernehme den Gesang. Unser drittes Album kommt jetzt bald raus. Und, so wie auf den ersten beiden auch schon, ist es eine Art Selbsttherapie für mich, das mir den Raum für meine inneren Dämonen gibt.

witcherDaniel: Bisher sind alle Eure Tonträger über Filosofem Records erschienen, was Dein eigenes Label ist, soweit ich weiß... Nutzt Du das Label nur für Deine eigene Musik? Oder bringst Du auch Tonträger von anderen Bands heraus?You release all your stuff via Filosofem Records which is your own label, as far as I know... Do you use this label only to spread your own music? Or do you also release stuff from other bands?

Roland: Auch das stimmt. Filosofem Records wurden ursprünglich gegründet, um unsere eigenen Veröffentlichungen professionell zu präsentieren. Wir haben nie mit anderen Bands zusammen gearbeitet. Und wir wollen das auch in Zukunft nicht tun. Es wird aber vermutlich so sein, dass „Öröklet“ das letzte WitcheR-Album über dieses Label war, denn das Projekt ist mittlerweile über uns hinausgewachsen. Wir werden das fünfte Album wahrscheinlich über ein größeres Label laufen lassen.

Daniel: Es gibt ziemlich viele Atmospheric Black Metal-Bands in Ungarn, wie Witcher, Hunok, Marblebog, Solus, Veér, Velm etc. Was meinst Du, woran das liegt?

Roland: Ich weiß auch nicht genau, warum das so ist. Was ich jedoch weiß, ist, dass die Szene noch viel größer war, als wir mit WitcheR angefangen hatten; viel größer als heute

Daniel: Bitte lass uns auch kurz über die ungarische Metal-Szene reden, ja? Ich bin nämlich ein großer Fan von Band wie Pokolgép, Ossian, Omen, Kalapács, Rebel, Radar, Belfegor, Obstruction, Ego Project, Akela, Szfinx, Stress, Sámán, Missio´ und Pandora´s Box, aber auch von der Black Metal-Legende Tormentor! Welche Bands zählen zu Deinen Favoriten? Und welche anderen Bands aus Eurer Heimat kannst Du uns noch empfehlen?

Roland: Du lässt gerade mein Herz höher schlagen! Ich liebe die meisten Bands, die Du aufgezählt hast, ebenfalls! Pokolgéps „Pokoli Színjáték“ ist einer meiser größten Einflüsse überhaupt; und eines der ersten Vinyl-Alben in meiner Sammlung. Ichj finde, dass es bis heute eines der besten ungarischen Metal-Alben überhaupt ist! Zu der Zeit war ich auch ein großer Fan von Bands wie Classica, Cross Borns und Sing Sing, neben denen, die Du schon genannt hast. Was Black Metal angeht, da gibt es auch zu viele, um sie alle aufzulisten. Ich würde aber auf jeden Fall Sear Bliss, Vvilderness, Ahriman, Bornholm und Aetherius Obscuritas nennen. Natürlich gibt es auch noch viele andere großartige Black Metal-Bands hier in Ungarn, und wir haben zu den meisten von ihnen guten Kontakt

Daniel: Mal etwas komplett anderes: Du heißt Roland Neubauer, was total Deutsch klingt, haha! Hast Du deutsche Vorfahren? Und sprichst Du vielleicht auch ein bisschen Deutsch?

Roland: Mit der Vermutung liegst Du absolut richtig! Ich habe tatsächlich deutsche Vorfahren. Wir leben aber jetzt schon in der dritten Generation hier in Ungarn. Deshalb ist leider nur der Name übrig geblieben. Ich habe immer noch Verwandte in Deutschland, beherrsche die Sprache aber nicht besonders gut. Ich kann zwar viel verstehen, aber nicht gut Deutsch sprechen. Ich habe aber nie meine Wurzeln vergessen und bin stolz auf meine Herkunft.

Daniel: Ihr werdet gerade von Markus Eck von Metalmessage Promotion. Wie seid Ihr mit ihm in Kontakt gekommen?

Roland: Das meiste Feedback für unsere bisherigen Alben haben wir tatsächlich aus Deutschland bekommen. Und um mehr Interviews und Reviews, vor allem in deutschen Magazinen, zu bekommen, haben wir Kontakt zu alten und neuen Fans aufgenommen. Markus war sehr angetan, also haben wir ihn angeschrieben. Und seine freundliche Antwort war so positiv, dass wir mit die Zusammenarbeit zugesagt haben.

witcherDaniel: Wie sehen denn Deine Zukunftspläne mit WitcheR und Deinen anderen Projekten aus?

Roland: Was WitcheR angeht, haben wir das fünfte Album bereits fertig geschrieben. In dem kommenden Tagen werden wir mit den ersten Aufnahmen während der Winterabende beginnen. Anvisiert ist eine Veröffentlichung für 2027. Natürlich werden wir bis dahin nicht komplett von der Bildfläche verschwinden. Nächstes Jahr wollen wir noch eine Single veröffentlichen, sodass uns die Leute nicht aus den Augen verlieren. Vrag sind ein bisschen mehr in den Hintergrund gerückt. Ich habe zwar ein komplettes Album geschrieben, weiß aber noch nicht, wann ich es aufnehmen werde oder ob es überhaupt erscheinen wird. Das dritte Frozen Wreath-Album ist auch fast fertig. Ich sitze gerade an den Texten. Ich denke aber, dass es nächstes Jahr erscheinen wird.

Daniel: Na gut, Roland! Dann gebührt Dir noch das Schlusswort!

Roland: Vielen Dank für das sehr detaillierte und interessante Interview! Es war mir eine Ehre, diese Fragen zu beantworten! Ich möchte Dir auch für Deine jahrelange Unterstützung danken, denn damit hast Du auch dafür gesorgt, dass WitcheR in Deutschland etwas bekannter wurden! Wenn irgendjemand das neue Album oder ein T-Shirt von uns haben möchte, kann er uns einfach über unsere Bandcamp-Seite kontaktieren: https://witcherband.bandcamp.com/



Autor: Daniel Müller