DEF LEPPARD, EXTREME

Dortmund, Westfalenhalle, 23.06.2026

Def Leppard - Flyer - Vorwort - live - 2026Auch wenn ich schon auf unzähligen Konzerten unterwegs war, ist dieses hier für mich ein ganz besonderes. Denn Def Leppard und Extreme kenne ich schon seit Anfang der Neunziger, seit ich Hard Rock und Metal höre, habe aber beide tatsächlich noch nie live gesehen! Ich kann mich aber auch nicht dran erinnern, dass sie seitdem mal hier in der Nähe gespielt hätten. Von Extreme mag ich nur das zweite Album „II: Pornograffitti“, dennoch freue ich mich drauf, sie heute Abend zu sehen. Vor größeren Bands habe ich nämlich schon deutlich uninteressantere Support Acts gesehen. Aber es gibt noch eine weitere Prämiere für mich: Dies ist mein erstes Konzert überhaupt mit einem QR-Code, den man zum Einlass scannen muss. Es gibt gar keine Print-Tickets! Willkommen in der Zukunft!

Extreme - live - 2026Und Extreme beginnen energisch! „Decadence Dance“, der Opener ihres Hit-Albums „II: Pornograffitti“ eröffnet den Reigen und zeigt die Band in Topform. Mich überrascht das nicht sonderlich, denn immerhin sind heute mit Sänger Gary Cherone, Saitenhexer Nuno Bettencourt, der alle Ansagen übernimmt, und dem 2008 zurückgekehrten Basser Pat Badger immer noch drei der vier Mitglieder aus der alten Besetzung mit dabei. Übrigens ist mein besagtes Lieblingsalbum von Extreme heute mit vier Songs gleich am meisten vertreten, was mich aus nostalgischen Gründen natürlich freut. Dennoch gibt es einen gelungenen Querschnitt aus allen sechs Alben der Band zu hören. „Thicker Than Blood“ ist mit dem verzerrten Gesang etwas gewöhnungsbedürftig. „Play With Me“ wird überraschend mit der ersten Strophe und dem Refrain von „We Will Rock You“ eingeleitet. „Wer sieht uns heute zum ersten Mal? Wo seid Ihr die letzten 42 Jahre gewesen? Der nächste Song ist aus dem letzten Jahrhundert, als wir noch richtig groß waren. Das ist kein Def Leppard-Song. Gary, kannst Du Dich an den Text erinnern?“, fragt Nuno. Der Megahit „More Than Words“ in der Mitte des Sets, dem ein Akustik-Solo mit eingespielten Bongos vorangeht, lässt mich ein bisschen runterfahren und wird vom Publikum lauthals mitgesungen. Das funkige, vertrackte Cupid´s Dead" mit der Sprechgesang-Strophe erinnert an die Red Hot Chili Peppers. Und auch „Get The Funk Out“ mit dem pumpenden Basslauf groovt und pumpt wie Sau. Für mich der beste Song, den die Band jemals geschrieben hat! Überhaupt finde ich, dass diese funkigen Einflüsse ihrem Stadion Rock, der hörbar von Kiss, Aerosmith und Def Leppard geprägt ist, ganz gut zu Gesicht stehen und live für enormen Druck sorgen. Dennoch nervt mich das Solo-Gefrickel von Nuno Bettencourt dann doch ein bisschen. Jeder weiß, dass er ein toller Gitarrist ist. Anstatt zwei Soli zu bekommen (eins akustisch und eins elektrisch) hätte man durchaus noch ein-zwei Songs in dem 60 Minuten-Set spielen können. Aber was soll´s? Ein sehr gelungener Auftakt!

Setlist: Decadence Dance, #Rebel, Thicker Than Blood, Play With Me, Hole Hearted, Midnight Express, More Than Words, Cupid´s Dead, Flight Of The Wounded Bumblebee, Get The Funk Out, Rise

Def Leppard - live1 - 2026Dann bin ich natürlich gespannt auf Def Leppard! Ich muss zugeben, dass mir die Alben ab „Slang“ (1996) nicht mehr gefallen haben und ich natürlich auf viele alte Hits hoffe. Den Opener „Rejoice“ kenne ich nicht, aber es soll sich hierbei tatsächlich um eine brandneue Single der Engländer handeln. Danach gibt es aber vertrautes Liedgut. „Animal“ ist einer von sechs Songs ihres Erfolgsalbums „Hysteria“ aus dem Jahr 1987, natürlich die Platte, die heute am häufigsten in ihrem Set vertreten ist. Besonders freut mich direkt danach „Let´s Get Rocked“ vom 1992er „Adrenalize-“Album, weil es mein erster Berührungspunkt mit der Band war; damals im zarten Alter von fast vierzehn Jahren. Nervig finde ich, dass danach mit „Personal Jesus“ ein Depeche Mode-Cover folgt. Dass ich die Band nicht mag, ist eine Sache. Aber warum eine Rock-Band aus den Siebzigern eine Synthie Pop-Combo aus den Achtzigern covern muss, die ungefähr zeitgleich ihre größten Erfolge feierte und musikalisch nichts mit ihnen gemein hat, erschließt sich mir absolut nicht. Bei zwölf eigenen Alben und über 100 € Eintritt darf der geneigte Fan schon nur Klassiker erwarten, finde ich. Mit „Bringin´ On The Heartbreak“ gibt es aber wieder altes, eigenes Material. Zudem ist es super gesungen. Joe Elliott ist ohnehin sehr gut bei Stimme. Und auch die mehrstimmigen Sachen kommen gut rüber. Der Background-Gesang klingt glasklar und ist das Beste, was ich seit Jahren live gehört habe. Als Schlagzeuger bin ich total fasziniert davon, wie Drummer Rick Allan seine Füße einsetzt, um seinen 1985 verlorenen Arm zu ersetzen. Da hätten sicherlich einige ihre Karriere an den Nagel gehängt. Er gibt sogar ein kurzes Solo, das zeigt, dass er mit einem Arm zum Teil schneller spielen kann als so mancher Drummer mit zwei Armen, haha! Außerdem ist es schön zu sehen, wie glücklich er immer hinter seiner Schießbude aussieht.

Def Leppard - live2 - 2026Das David Essex-Cover „Rock On“ kannte ich bislang nur von Heavens Gate, funktioniert hier aber auch super! Ein cooler Show-Effekt ist, dass Joe Elliott plötzlich oben auf den Sitzrängen erscheint, um den Song zu singen. Durch ein Gitarrensolo bekommt er auch genug Zeit, um wieder zur Bühne zurückzukehren. Er erzählt, dass Def Leppard schon einmal, mit den Scorpions und Ritchie Blackmore´s Rainbow, in der Westfallenhalle gespielt hat. Er glaubt 1981, ist sich aber nicht ganz sicher. „Was ich ganz sicher weiß, dass ich 1977 mit meinem besten Freund Rick Savage im Wohnzimmer ein paar Platten gehört habe und ihm vorschlug, mit ihm eine Band zu gründen und zu sehen, was daraus wird. Und jetzt – 49 Jahre später – stehen wir immer noch gemeinsam auf der Bühne.“ „Slang“ erhält im Mittelteil Gesangspassagen von „Get Up Offa That Thing“ von James Brown und „Fame“ von David Bowie und wirkt wie eine spontane Jam Session. Dabei klingt das viel zu dominante, sterile Schlagzeug wie Musik auf einer Techno-Party. Total nervig! Im Zugabenteil gibt es noch „When Love And Hate Collide“, „Hysteria“ mit dem alten, langen Bass-Intro und natürlich das unvermeidliche „Pour Some Sugar On Me“, bevor nach einer Stunde und 45 Minuten endgültig Schluss ist. Bis auf den Opener „Rejoice“ und „Promises“ mit Acapella-Intro sind mir heute alle Songs bekannt, was mich etwas überrascht, dass ich die letzte Hälfte der zwölf Alben umfassenden Diskografie der Band gar nicht kenne. Def Leppard sind spielerisch und gesanglich super drauf, haben richtig Bock und geben alles. Abgerundet wird die Show von einem guten Sound (bis auf das Schlagzeug, das stellenweise zu laut ist und viel zu viel Hall drauf hat) und einer tollen Lasershow. Danke für den tollen Retrotrip!

Setlist: Rejoice, Animal, Let´s Get Rocked, Personal Jesus (Depeche Mode-Cover), Bringin´ On The Heartbreak, Switch 625, Just Like ´73, Rocket, Rock On (David Essex-Cover), White Lightning, Slang, Promises, Armageddon It, Love Bites, Rock Of Ages, Photograph, When Love And Hate Collide, Hysteria, Pour Some Sugar On Me



Autor: Daniel Müller - Pics: Lisa Wiezorrek