VANGELIS - THE DRAGON


Label:CHARLY
Jahr:1978
Running Time:36:07
Kategorie: Classics
 

Von Vangelis kennt man eigentlich nur pompöse Soundtracks, aber er tobte sich auch immer mal wieder in anderen Gefilden herum. Nach der Trennung seiner Ex-Band Aphrodite´s Child ging er nach London, wo Produzent Giorgio Gomelsky ihn mit ein paar Studiomusikern zusammenbrachte. Sie spielten in den legendären Marquee Studios zwei Sessions ein, die gar nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen waren: „Hypothesis“ und „The Dragon“. Lange lagen diese Aufnahmen brach. Erst nach dem großen Erfolg Vangelis´ wollte das damalige Label zusätzliches Geld mit ihm verdienen und brachte beide Alben ohne seine Zustimmung raus. Vangelis war jedoch mit den Aufnahmen unzufrieden und gewann vor Gericht sogar den Prozess, dass beide Alben vom Markt genommen wurden. Dennoch tauchen beide LPs immer mal wieder in Second Hand-Läden auf, und es gab in Deutschland sogar eine CD-Version, auf der beide Alben vertreten waren. Dass sich Vangelis mit der Freejazz-Session auf „Hypothesis“ nicht anfreunden konnte, verstehe ich nur allzu gut. Bei „The Dragon“ sieht das dagegen komplett anders aus. Hier handelt es sich – genauso genommen – um ein Krautrock-Album, wenn auch mit ein paar Blicken nach links und rechts. Der Opener ist gleichzeitig der Titeltrack und nimmt mit einer Viertelstunde Spielzeit die komplette A-Seite ein. Viel passiert nicht, alles wiederholt sich und ist monoton. Dennoch ist diese Klangcollage absolut faszinierend. Den Drachen auf dem Cover sehe ich nicht vor meinem geistigen Auge aufsteigen, eher eine Wüstenlandschaft mit Kamelen.

Die Musik klingt orientalisch, mit einer Violine, die den Ton angibt, und einer Menge Bongotrommeln und Percussions. Immer wieder fudelt auch eine wilde Leadgitarre rein. Dadurch, dass sich das meiste wiederholt, wird der Hörer geradezu hypnotisch eingelullt. Auch wenn es hier kaum Variationen gibt, wird es dennoch nie langweilig. Die B-Seite kann das Niveau dann leider nicht ganz halten. Zunächst gibt es mit „Stuffed Aubergine“ ein verträumtes Stück mit dominanter Akustikgitarre. Untermalt wird alles von stimmungsvollen Flöten. Auch hier wiederholt sich viel, aber der Spielfluss macht es aus. Zum Schluss gibt es mit „Stuffed Tomato“ das abwechslungsreichste Stück der Platte. Es wird endlich rockig und erinnert an Krautrock-Bands wie Jane oder Novalis. Im Mittelteil bricht dann das Chaos aus. Mit akustischen Klängen eingeleitet, gibt es mit Zunahme des Keyboards und frickeligen Bassläufen in eine wilde Jazz-Session. Alle beteiligten Musiker spielen sich in einen Rausch und scheinen sich gegenseitig überholen zu wollen. Alles ist mitreißend gespielt, wenn auch sehr wirsch. Aber man findet irgendwann wie von selbst zum vorherigen Krautrock-Riff zurück. Sehr geil gemacht! Wer Krautrock und Progressive Rock aus den Siebzigern mag, sollte hier echt mal reinhören, denn mit den späteren epischen Soundtracks des Griechen hat „The Dragon“ rein gar nichts zu tun. Ich kenne Metalheads, die sich die Platte allein schon wegen des genialen Drachen-Artworks in die heimische Sammlung stellen würden. Musikalisch überzeugt das Album aber auch. Zu schade und auch völlig unverständlich, dass es dieser übersehene kleine Kracher der Öffentlichkeit eigentlich vorenthalten bleiben sollte!

Tracklist:
Side One:
The Dragon (15:18)

Side Two:
Stuffed Aubergine (11:17)
Stuffed Tomato (9:32)

Line-Up:
Anargyros “Silver” Koulouris – Electric & Acoustic Guitars
Evangelos Odysseas “Vangelis” Papathanassiou – Keyboards
Michel Ripoche - Violin
Brian Odger – Bass
Micky Waller – Drums, Percussion

Note: 8 von 10 Punkten
Autor: Daniel Müller


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