ATROCITY - Wir sind eine Art musikalisches Metal-Chamäleon!


Als seinerzeit „Okkult II" mein Album des Jahres 2018 in den CROSSFIRE-Redaktions-Charts wurde, hatte ich bereits ein Interview mit Atrocity geplant, welches aber - aus welchen Gründen auch immer - nie zustande kam. Erst kürzlich hatte ich dann über Bloodred wieder Kontakt zu Massacre Records, und ich habe beim Verschicken der Interview- und Review-Links gleich nochmal versucht. Dieses Mal hat es endlich geklappt! Ich telefonierte weit über eine Stunde mit Atrocity-Hüne Alex Krull, der auch bei Leaves´ Eyes aktiv ist und alles sehr unterhaltsam und ausführlich beantwortete! Einige Fragen, die ich noch chronologisch auf dem Zettel hatte, hat Alex im Redefluss auch gleich automatisch mit beantwortet, haha! Viel Spaß beim Lesen!

logoDaniel: Hi Alex! Lass uns mal ganz vorne anfangen: Wie kam der Stein für Atrocity 1989 ins Rollen? Und war Atrocity Deine erste Band?

Alex: Atrocity wurden nicht 1989 gegründet, sondern schon 1985. Am Anfang waren wir befreundete Metal-Maniacs und vom Freundeskreis her eine klassische Schüler-Band, kann man sagen. Ich hatte tatsächlich noch eine andere Band vorher: Ripper hießen die. Und da waren auch zwei Leute, Gernot, der Original-Drummer, und René, der Original-Bassist, auch schon mit dabei. Und aus dem ist Atrocity hervorgestiegen. Ich hatte mit zwei anderen Freunden dann die Idee, dass wir Atrocity machen, und die zwei anderen Jungs sind dann dabei geblieben. Wir waren noch sehr jung. Und da hatten wir uns das alles nicht träumen lassen, was da alles noch passiert ist in den darauffolgenden Jahren, haha!

Daniel: Es gab - etwa zeitgleich – eine Band aus Bamberg und eine amerikanische Band namens Atrocity („Infected“, 1990). Kennst Du diese Bands?

Alex: Ja, die Band aus Bamberg und auch die Amerikaner kamen tatsächlich nach uns. Wir hießen ganz am Anfang ja noch nicht Atrocity, sondern Instigator. Ich will da jetzt nicht ganz so in die Details gehen. Also, erst gab es Ripper und dann Instigator und danach Atrocity. Ich meine, es gab noch eine Punk-Band mit dem Namen The Instigators. Ja, und mit den Amis war das so eine Sache. Das haben wir erst später mitbekommen. Die haben sich auch nach uns erst gegründet, genau wie die Band aus Bamberg. Die hießen aber auch ein bisschen anders und hatten sich dann in Atrocity Exhibition umbenannt. Und die wiederrum hatten auch noch eine andere Band, Mega Mosh oder so; keine Ahnung, haha! 

Daniel: Kam es da denn jemals zu Verwechslungen? 

Alex: Ja, das mit den Amerikanern war schon etwas blöd. Das kann man nicht anders sagen. Als wir mit unseren ersten Platten rausgekommen sind, kamen die dann immer wenig später hinterher. Es gab da bei einigen Fans schon ein paar Irritationen. Obwohl ich sagen muss: In Amerika selber waren wir als deutsche Atrocity mit den Demos natürlich viel erfolgreicher. Dann haben die Leute dann schon gewusst, das sind die Deutschen. Wir haben ja unser erstes Album, „Hallucinations“, mit Scott Burns in Amerika aufgenommen. Und da wir ja auch sehr umtriebig waren in der Tape Trading-Szene, waren die ganzen Bands aus der Anfangszeit – Morbid Angel, Obituary, Cannibal Corpse, Nocturnus, Incubus, Immolation und wie sie alle heißen – schon mit uns in Kontakt. Ich habe dann ja auch die ersten Death Metal- und Hardcore-Festivals veranstaltet hier in Deutschland. Da waren Pestilence mit dabei, aber auch zum Beispiel Spermbirds – also etwas ganz anderes -, weil ich immer schon so ein Faible dafür hatte, Sachen zu vermischen und hatte dann auch die erste Atrocity- und Carcass-Tour gemacht mit diesen beiden Support The Underground-Festivals, wo dann auch zum ersten Mal Entombed in Deutschland gespielt hatten. Da waren auch noch Pungent Stench dabei und Disharmonic Orchestra. Insofern waren wir mit den ganzen Bands schon in Kontakt. Und da sie auch wie wir noch Tape Trading betrieben und noch Demos hatten, also auch die anderen Bands, haben wir die uns immer schon gegenseitig zugeschickt. Und gerade auch die amerikanischen Bands waren damals auch bei uns im Studio, weil wir für sie auch so etwas wie Exoten waren. Die waren alle bei uns im Studio: der Alex Webster von Cannibal Corpse war da, der Mike Browning von Nocturnus, der uns in Tampa das Nachtleben gezeigt hat, bei David Vincent waren wir auch zu Hause. Den kannte ich schon vorher, als er in Europa war und den Earache-Deal herangezogen hat für Morbid Angel. Das war echt eine verrückte Zeit! Napalm Death waren auch Freunde von uns und oft bei mir zu Hause. Das war schon ein Fest, wie wir mit der kompletten Nuclear Blast-Crew rüber geflogen sind und „Hallucinations“ aufgenommen haben. Das ist jetzt schon genau dreißig Jahre verdammt nochmal her, haha! Da war im Studio so einiges los, weil die Florida-Bands da alle gekommen sind. Der Glenn Benton hat sich den finalen Mix von unserem Tape noch in seinem Auto angehört auf dem Weg zum Flughafen, haha! Also, wie gesagt: war eine coole Zeit, in der viele verrückte Dinge passiert sind. Wir hatten damals dort ein paar Festivals gespielt mit Carcass, zwischendurch die Platte eingespielt, und danach ging es direkt weiter auf Tour. Ich war Sänger, Tour-Veranstalter und Festival-Veranstalter, haha!      

atrocityDaniel: Welche Bands haben Atrocity hauptsächlich beeinflusst? Und inwieweit haben sich diese Einflüsse bis heute geändert bzw. erweitert?

Alex: Haha! Ja, damals habe ich noch Heavy Metal und vorher Hard Rock gehört. Ich war gerade sechs Jahre alt, da hatten sich Deep Purple, glaube ich, gerade aufgelöst. Da habe ich die Musik dann für mich entdeckt und zum ersten Mal bewusst Hard Rock oder härtere Musik gehört. Und dann wurde es halt immer extremer. Dann gab es Heavy Metal, und man hat einfach alles in sich aufgesogen. Und wir haben immer versucht, unser eigenes Ding zu machen. Da ist bei Atrocity ja auch ganz offensichtlich, dass sich die Band nicht auf eine Schiene allein festgefahren hat. Wir haben als Band ja auch nach den Demos, als sie bekannter geworden ist, sogar Blastbeats mit drin gehabt. Wir wollten einfach eine extreme Band sein! Brutal, härter als Speed- oder Thrash Metal! Wir wollten einfach die extremste Band werden! Das war immer unser Ziel. Auch in den verschiedenen Facetten – das hat man ja später auch gesehen – nicht alles auf einen Stil zu beschränken. Aber natürlich sind bestimmte Einflüsse ganz sicher vorhanden: Slayer, Possessed, Celtic Frost, Death, Morbid Angel, aber auch andere Sachen, die nicht aus der ganz harten Ecken waren, wie Watchtower oder progressivere Sachen wie Fates Warning; keine Ahnung. Da gibt es bestimmt eine Melange aus allem. Wir haben uns als Musiker ein eigenes Ding erschaffen. Und bei Roadrunner Records war es auch so, dass wir die einzige deutsche Band waren, die so einen krassen Sound gemacht hat, als wir dann bei denen weltweit unterschrieben haben, nachdem wir ja bei Nuclear Blast die erste Scheibe rausgebracht hatten. Da kam dann ja die „Todessehnsucht“. Und da hatten wir ja auch schon Opernsänger, klassische Sachen drin, die Themen von Wagner verarbeitet. Beim ersten Album, bei „Hallucinations“, war Mozart schon mit dabei, nur auf Gitarre halt gespielt. Irgendwie wollten wir uns nie nur auf eine Sache allein beschränken. Und ich glaube, das war auch das beste Rezept, um mit der Band so lange auch am Start zu sein.  

Daniel: Ihr habt schon Grindcore, Death Metal, Gothic Metal, aber auch Musik gemacht, die nichts mit Metal zu tun hat, wie Folk, klassische Elemente, EBM, 80er Pop-Cover gemacht. Gab es bei Euren Veröffentlichungen auch mal Experimente mit Musik, die Du sonst gar nicht hörst, sondern nur als Musiker spannend fandest, um Dich mit der Materie auseinanderzusetzen?

Alex: Ja, mit Sicherheit! Ich denke, wenn man das mal als Herausforderung betrachtet und Grenzen auszureißen, war immer das Motto: „Breaking The Law“! Metal ist für mich nicht, wie die meisten Leuten es verstehen, immer nur in eine Richtung, sondern auch mal über Genre-Grenzen zu gehen. Es war für mich immer so, dass man das, was gut ist, musikalisch und künstlerisch auch gut umsetzen kann und einen auch begeistern könnte, Neuland zu entdecken und neue Horizonte mit der Band zu erschließen. Es war Herausforderung und Nervenkitzel auch so ein bisschen. Wenn Du dann alle Extreme ausgelotet hast, wie im Death Metal, wo Du weißt, noch schneller und noch härter oder noch komplizierter… Wir waren ja auch eine der ersten Techno Death Metal-Bands, wie man es ja damals noch bezeichnet hat. Weil man nicht so klingen wollte wie die hundertste andere Band oder so und sich von vornherein schon unterscheiden wollte, kommst Du dann halt auf andere Ideen, sage ich mal. Dann machten wir auf einmal ein Akustikstück mit der Yasmin, meiner Schwester, die ja schon lange vor mir Musik gemacht hatte und auch so ziemlich umtriebig war, in Videoclips von Hammerfall, Lacrimosa, Amorphis zum Beispiel; ganz viele verschiedene Bands. Wir wollten aber auch musikalisch mal etwas zusammen machen, obwohl sie unsere ganz harten Sachen natürlich nicht so ansprechend fand, haha! Beim dritten Album, „Blut“ – eine sehr wichtige Platte für uns – haben wir ja auch eine Art „Crossover-Note“ eingeschlagen. Wir waren eine brutale Death Metal-Band, und hatten dann mit „Calling The Rain“ das komplette Kontrastprogramm, mit Frauengesang dabei, atmosphärisch, folkig… undenkbar eigentlich für eine Death Metal-Band zu der Zeit! Das haben wahrscheinlich ganz viele Bands erstmal gar nicht verstanden und waren verwirrt. Aber viele fanden es auch gut. Das war das Positive dabei, so wie wir es auch gut gefunden haben, die Extreme auszuloten. Diese Kombination aus Ethno und Metal oder in der Richtung mit Weltmusik ein bisschen zu experimentieren, nicht nur mit Klassik, was wir ja auch schon gemacht hatten, noch den Horizont weiter zu erforschen, war für uns schon ziemlich geil! Und das Konzept zu „Blut“ hat auch gut zu uns gepasst, da Yasmin und ich auch Vorfahren in Transsilvanien haben. Diese krassen Texte! Ich saß mit Christoph, einem Freund von mir, beim Frühstück, und der hatte gesagt, ´Atrocity waren immer die mit den krassen deutschen Texten.´, und das war lange vor Rammstein, haha! Nein, und natürlich wer solche Pionierarbeit leistet, unsere Kooperation mit Das Ich zum Beispiel, wo ja wirklich zwei Welten komplett aufeinander geprallt sind, also Gothic und Metal, hat man dann am besten gesehen, dass auch in der Club-Landschaft in Deutschland sehr viel passiert ist; dass da „Darkwave-/Crossover Nights“ auf einmal entstanden sind, dass wir haben dann auch noch mit Lacrimosa und Silke Bischoff aufgenommen haben. Leute aus der Szene waren dann auch große Fans von Leaves´ Eyes oder den Sachen, die wir mit mit Atrocity mit Yasmin oder Das Ich gemacht hatten.

Daniel: Wie kam überhaupt der Kontakt zu Das Ich zustande damals, die ja ein ganz anderes Fan-Lager ansprachen? Das war ja schon ziemlich obskur damals…

Alex: Ja, das stimmt allerdings, haha! Ja, wie kam das zustande? Zum einen war ich ja auch bei Massacre Records selbst am Start und hatte da auch einige Freiheiten. Das war das Positive daran. Die wollten uns damals unbedingt unter Vertrag nehmen, obwohl wir immer viele verschiedene Ideen in der Musik hatten. Aber weil die das selber gut gefunden haben, haben sie mich da wahnsinnig unterstützt. Der Thomas von Massacre Records war ein Riesen-Das Ich-Fan. Und ich hatte auch die eine oder andere Verbindung zu Leuten, die aus der Gothic-Szene waren. Und dann kam irgendwie der Gedanke, die haben so krasse deutsche Texte, so wie Atrocity, und das würde doch irgendwie zusammen passen. Und so kam dann der Kontakt zustande. Das war schon irgendwie lustig, weil die mit E-Gitarren und Metal-Sounds ja überhaupt nichts am Hut hatten! Das hat sich dann aber alles sehr in Wohlgefallen aufgelöst. Das muss man ganz klar sagen! Wir haben sehr viele Gemeinsamkeiten entdeckt; auch textlich, Expressionismus usw. Das war bei Das Ich sehr ähnlich. Wir hatten uns dann gegenseitig die Songs neu erarbeitet, und aber auch Sachen zusammen gemacht. Natürlich war das alles sehr jungfräulich, wie ein ungeschliffener Diamant, weil wir ja am Anfang auch noch nicht wussten, was da am Ende bei rauskommen würde. Es war eine abenteuerliche musikalische Reise, die wir zusammen angefangen haben und die sehr geil geendet ist, mit einer gemeinsamen Tour dann auch. Und dann ist eben auch viel entstanden daraus; also auch in der Szene. Ich kann mich noch erinnern: Als wir zusammen aufgetreten sind, haben sich die Leute im Publikum noch richtig angefeindet. Auf der einen Seite waren die Metal-Leute und auf der anderen Seite standen die Gruftis und Gothics. Und irgendwie war man sich nicht ganz grün. Aber irgendwann waren Atrocity dann mal Headliner beim Wave Gothic Treffen – der Veranstaltung der Szene – und das war das Eis dann gebrochen. Wir haben da für uns auch eine ganz neue Szene mit erschlossen. Yasmin war damals als Gastsängerin auch dabei, und die Liv, meine Ex-Frau; damals noch bei Theatre Of Tragedy Sängerin und später ja auch bei Leaves´ Eyes. Peavy von Rage war auch noch dabei, als wir auf dem Dynamo in Holland gespielt hatten. Wir hatten uns damals schon etwas einfallen lassen. Das muss man auch ganz klar sagen.

atrocityDaniel: Auf dem Dynamo war ich sogar und habe Euch gesehen!

Alex: Ja geil! Das war für mich auch immer so ein Traum, dort spielen zu dürfen! Ein Holländer hatte mich damals angerufen, der das da mitveranstaltet hat. „Alex, sitzt Du schon? Ihr könnt Headliner auf dem Dynamo sein am Freitag!“ Und ich meinte, „Okay, ich setze mich doch mal hin“, haha! Das war schon mega cool! Andererseits hatten wir aber auch Probleme mit der Technik und hin und her. Aber am Ende des Tages stehst Du dort auf der Bühne und genießt es natürlich, mal dort zu spielen! Wir haben ja mittlerweile auch einen holländischen Schlagzeuger, den Joris. Ich hatte ja da ein Hakenkreuz auf der Bühne zerschlagen bei „Der Mussolini“, um ein klares Statement zu setzen, so dass wir alle tief durchgeatmet haben, haha! Da wurden auch viele Leute eingeweiht mit den verschiedenen Spielarten. Das war ein kunterbunter Blumenstrauß an Atrocity-Musik. Das war schon ziemlich geil!         

Daniel: Ihr habt schon alle möglichen verschiedenen Stilrichtungen gespielt und seid sogar schon mit einem Orchester aufgetreten! Gibt es für Dich als Musiker überhaupt noch ein gänzliches anderes Gebiet, das Ihr noch nicht angepackt habt?

Alex: Nein, also man muss das so sehen: Diese Pionierarbeit sind ja auch Ansprüche an einen selber. Das sind Sachen, die man sich erfüllen will oder machen möchte. Aber natürlich ist es für die Fans auch immer abenteuerlich, weil keine Platte klingt wie die andere. Wir sind eine Art „musikalisches Metal-Chamäleon“, wenn man so will. Andererseits sagen uns die Fans aber auch, dass man die Band immer erkennt. Und das ist gut! Man hat schon seine eigene Handschrift. Das ist auch ganz wichtig! Es gibt keine Checkliste, wo draufsteht, was wir schon alles gemacht haben. Das mit dem Orchester, was Du gerade angesprochen hast, haben wir nur im Studio aufgenommen, aber nicht live gespielt. Das war Peavy mit Rage. Wir waren zwar auch mit ihnen auf Tour zusammen. Vielleicht hast Du das dadurch noch dunkel abgespeichert. Wir hatten da nur Samples verwendet, aber das Orchester war nur bei Rage. Aber das ist nicht schlimm. Das fügen wir bei der Checkliste dann hinzu, haha! Aber das muss natürlich nicht sein. Wir hatten natürlich schon die Idee und auch Angebote dafür, so etwas zu machen. Aber es muss natürlich dann auch alles passen und Sinn machen. Und da wir ja auch immer mit zwei Bands unterwegs sind, ist die Zeit natürlich auch eine entscheidende Frage. Es muss schon alles passen, damit es gut umgesetzt wird. Also von meiner Seite aus muss ich sagen, ist nie alles gesprochen! Da ist nie alles gesagt mit der Band. Im Moment machen wir ja diese „Okkult“-Trilogie. Da hängt auch sehr viel Herzblut von mir drin. Da ist Atrocity natürlich von der sehr harten Seite zu hören und unsere Death Metal-Roots, die wir ja auch immer beibehalten haben. Aber es ist auch eine Herzensangelegenheit für mich, diese Verantwortung zu tragen, da wir auch international die Fahne für Deutschland hochgehalten haben. Viele Bands – das weiß man auch – wären nicht so erfolgreich, wenn sie ihre deutschen Fans nicht hätten. Das ist definitiv so! Aber es gibt auch viele deutsche Bands, die wichtige Vorarbeit geleistet haben. Und damit meine ich jetzt nicht nur Atrocity oder so! Und das muss ja auch bewahrt werden! Ich werde jetzt nichts machen wollen, wo wir dann sagen, ´Okay, das hätten wir uns jetzt irgendwie schenken können´, oder wie auch immer. Auch wenn nicht jedem jetzt immer jede Platte gefällt, aber das finde ich auch völlig in Ordnung! Es gibt immer Fans die unterschiedliche Meinungen oder Favoriten haben. Und das finde ich sehr spannend, weil man immer eine Band hat und dann sagt, ´Die ist der Klassiker!´, oder ´Das ist der beste Song, den die jemals geschrieben haben!´ Du weißt schon, was ich meine, oder? Dieses Problem haben wir mit Atrocity – zum Glück! – nicht, weil wir es uns auf die Fahne geschrieben haben, stets musikalisch immer etwas Frisches zu bringen und etwas Neues zu machen, auch wenn es auch mal etwas länger dauert dazwischen, haha, weil wir auch immer viel live unterwegs sind usw. Das ist zwar momentan wegen Corona nicht möglich. Aber wir haben mit Leaves´ Eyes die neue Platte gerade abgeschlossen während des Lockdowns. Und da werden wir jetzt mit Atrocity auch genauso weiter machen, haha! Das hat in dem Fall auch wieder etwas für sich. Aber um es al auf den Punkt zu bringen: Ich denke, es fällt uns immer etwas ein. Da ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Das ist auch nichts Erzwungenes, sondern das ist ein innerer Antrieb. Ich kann das gar nicht beschreiben! Für mich macht es jetzt auch keinen Unterschied, wie lange es die Band gibt oder was man schon gemacht hat. Wichtig ist für mich immer, dass man Bock hat, etwas zu machen! Keine Ahnung… Viele haben uns gefragt, ob wir mal wieder etwas wie „Werk 80“ machen, einen dritten Teil. Wenn wir Bock drauf haben, dann werden wir das tun. Dann hat es halt wieder zehn Jahre gedauert oder was weiß ich, wie lange, haha! Ich will mich da nicht in etwas einengen lassen. Das gleiche ist übrigens auch, wenn wir mit der dritten „Okkult“ weiter machen. Das ist definitiv das nächste, was von uns kommen wird! Da nehmen wir uns auch alle Freiheiten. Da kann es dann auch mal einen Song geben, der mit 350 BPM ist, haha! Keine Ahnung… Und Dinge, die Sinn machen und Spaß bringen, sind auch nur dann immer nur gut, wenn der Song am Ende geil ist. Ich halte nichts davon, wenn man nur noch technische Musik macht, wo alles nur noch Trockenübung ist und kein Song mehr. Gerade in den USA, wo es auch die amerikanischen Atrocity gab, da sagen die anderen Bands, dass wir Atrocity sind, weil sie einen Höllenrespekt vor unserer Arbeit haben, die wir geleistet haben. Gerade die Bands, mit denen wir damals unterwegs waren, Obituary, Deicide oder wer auch immer, die haben das nicht vergessen! Da werden dann immer die alten Stories ausgepackt. Das war eine tolle Zeit. Das hat uns geprägt. Und das ist auch gut so und wird auch niemals wegfallen! Das ist wie ein heiliger Gral in einem drin. Das ist definitiv etwas, was wir uns nicht wegnehmen lassen wollen. Und deswegen macht es uns auch weiterhin Spaß, diese Art von Musik auch zu spielen. Also, ein geiles Death Metal-Album zu machen, da sind die Ansprüche für mich selber auch extrem hoch!         

Daniel: Für mich war „Okkult II“ das Album des Jahres 2018! Es war eine Rückbesinnung zum alten Sound, stand aber dennoch mit beiden Beinen in der Gegenwart und enthielt sogar Chöre, wie man sie von Leaves´ Eyes her kennt. War es ein bewusster Schritt, mal ein Atrocity-Album zu machen, das alle möglichen Fan-Lager anspricht? Oder hat sich das eher zufällig ergeben?

Alex: Ja super, haha! Also, ich freue mich tierisch, dass es Dein Album des Jahres wurde! Aber ein Kompromiss-Album wäre für mich – schon von der Herangehensweise – ganz schlimm, haha! Wenn ich etwas machen möchte, weil ich es mir konzeptionell zurechtlegen muss, aus irgendeinem Grund… Nein, also wir wollten schon so eine Horror-Stimmung auch haben. Beim ersten „Okkult“-Album war es auch schon so. Klar, wenn man jetzt in der Kiste kramt, bei „Todessehnsucht“ waren ja auch schon so Chöre drin. Da gab es Leaves´ Eyes noch lange nicht, haha! Aber ich denke auch, ohne Atrocity hätte es Leaves´ Eyes niemals gegeben! Die ganze Vorgeschichte war eigentlich der Wegbereiter dafür, dass es die andere Band überhaupt gibt. Und ich kann mich sehr wohl erinnern, Anfang der Neunziger Jahre hatte ich ja noch Corpus Christi, also eine andere Band, wo ich Schlagzeug gespielt hatte und Sänger war. Wir hatten sogar ein Video gemacht. Century Media wollten uns damals sogar unter Vertrag nehmen! Damals habe ich noch gemeint, ´Oh, zwei Bands! Ich weiß gar nicht, ob ich so etwas machen kann!´ und hatte dies quasi ausgeschlagen. Die Zeit zeigt es dann doch ein bisschen anders, weil ich mir damals auch irgendwie gedacht hatte, wenn man zweigleisig fährt, nimmt sich das dann.

atrocity leaves eyesDaniel: Wenn Du Songs schreibst, wovon machst Du abhängig, was Du gerade für Atrocity und was für Leaves´ Eyes schreibst? 

Alex: Für mich ist ganz klar, wenn wir Songs für Atrocity schreiben, dann ist das auch nur für Atrocity. Das kann gar nicht anders funktionieren. Und bei Leaves´ Eyes ist es exakt dasselbe.  Wir sind so wie Jing und Jang. Das gleicht sich ganz gut aus. Da ist tatsächlich die Stimmung entscheidend. Das Gute ist ja, dass wir es immer abwechselnd machen. Denn wir haben zwar, ganz am Anfang von Leaves´ Eyes, quasi die Atrocity „Atlantis“ auch mitgeschrieben, aber trotzdem waren es dann zwei Paar Schuhe. Es ist schwer zu erklären, aber es ist, wie wenn man eine bestimmte Sportart betreibt. So kann man sich das vielleiht etwas vorstellen. Hast Du Bock auf Fußball, spielst Du Fußball. Spielst Du Handball, dann weißt Du, Du musst etwas anderes machen. Es ist zwar ein hinkender Vergleich und für Musik vielleicht auch nicht so schön, aber um es mal ein bisschen u veranschaulichen. Und ich bin ja noch als ein leidenschaftlicher Schwertkämpfer in der Wikinger-Szene tätig. Und das geht dann schon eher in die Leaves´ Eyes-Richtung. Und bei Atrocity geht es dann schon eher in die dunkle Seite, haha!  

Daniel: Deine Texte sind meistens Englisch, manchmal aber auch auf Deutsch verfasst. Wovon machst Du die Sprachauswahl abhängig?

Alex: Das ist für mich tatsächlich eine Gefühlssache. Als wir zum Beispiel „Menschenschlachthaus“ gemacht haben, war für mich ganz klar, dass der Song genauso wird, wie er ist. Ich denke, dann sind deutsche Texte einfach geiler und passen besser! Es ist wirklich stimmungsabhängig. Es ist von der anderen Seite, wenn man es so sehen möchte, vielleicht auch cool, dass wir diese Möglichkeit haben, uns in mehreren Sprachen auszudrücken, während englische und amerikanische Bands nur mit einer Sprache arbeiten können, weil es halt so Gang und Gäbe ist. Englisch ist natürlich international, und wir hatten natürlich auch Schwierigkeiten am Anfang – ohne Rammstein – so frei hantieren zu können. Uns wurden da echt dumme Fragen gestellt zum Teil, wir wurden abgestempelt, und es gab Unverständnis. Heutzutage gibt es das einfach nicht mehr, vor allem, weil viele skandinavische Bands auch in ihrer Landessprache singen oder auch andere Bands auf dem Erdball, wo spanische und südamerikanische Bands auf Spanisch singen und da eine ganz eigene Nische haben, oder auch in Japan, wo viele Metal-Bands auch Japanisch singen, wo das ganz normal ist. Ja, mit dem Deutschen war das am Anfang nicht ganz so einfach, haha! Man weiß ja bekanntlich, warum. Ich sage ganz ehrlich: Ich finde, dass die deutsche Sprache ein sehr geiles Potenzial hat mit seinem harten Ton und auch von der Lyrik her. Deutsch ist an sich eine wunderschöne Sprache. Leider gab es in der Vergangenheit mal jemanden, der damit Schindluder getrieben hat, so dass einige Leute das dann schnell falsch verstehen können. Das ist schon ein zweischneidiges Schwert. Aber wenn wir in Mexiko spielen oder in Russland, kommen die Leute zu mir und erzählen mir dann, dass sie wegen der Texte Deutsch gelernt haben oder die Sprache erlernt haben, um es am Anfang zu verstehen, und haben Gefallen dran gefunden. Also, das ist schon geil! Das finde ich super! Das bestätigt einen dann auch, dass das dann Leute von ganz woanders her - am anderen Ende der Welt - quasi wirklich damit beschäftigen, was man so macht. Das ist schon cool!

Daniel: Kommen wir auch mal zu Leaves´ Eyes, die Du ja seit 2003 mit Atrocity als komplette Backing Band betreibst. Wie kam es damals zu der Gründung?

Alex: Ja, da spielt Atrocity mit Sicherheit eine ganz wichtige Rolle. Wir hatten zu der Zeit die „Werk 80“-Sachen noch gespielt und viele Sachen gemacht, wo die Liv auch als Gastsängerin mit auf der Bühne dabei war. Und irgendwann haben wir dann gesagt, wir würden gerne eine andere Band machen mit Nordischer Mythologie und Frauenstimme, also wo sie nicht nur als Gast bei uns fungiert, so wie bei Yasmin als Projekt, sondern wirklich eine Band gründen. Und so ist es quasi entstanden, mehr oder weniger; tatsächlich bei einem Waldspaziergang, wo ich sie dann gefragt habe, ´Studium fertig, Band in Norwegen… Es wäre doch cool, wenn wir eine Band zusammen machen.´ Wir hatten dann die Jungs gefragt und das Studio vergrößert und neu aufgebaut. Und da war dann auch mehr kreativer Freiraum. Da haben wir dann offene Türen eingerannt.    

Daniel: Und ist für Dich aus diesem Projekt im Laufe der Jahre eine richtige Band geworden? Oder ist Atrocity immer noch Deine Hauptband?

Alex: Ja genau! Das ist tatsächlich so eine Sache, wo ich noch genau weiß, dass wir da am Anfang noch ein bisschen mit zu kämpfen hatten, weil viele halt gedacht haben, das ist jetzt so ein Atrocity-Projekt mit Live Kristine. Und dann mussten wir dies wirklich immer wieder in den Interviews verneinen. Wir sind zwar die gleichen Mitglieder, bloß mit weiblicher Stimme, aber wir sehen es als eine eigene Band an. Wir haben das auch immer so gehandhabt; getrennt von Atrocity. Du kannst es ein zweites Standbein nennen; einfach eine zweite Band. Und so habe ich das auch immer gesehen. Ich werde auch oft gefragt, ist das jetzt meine favorisierte Band und so. Das ist immer ganz schwierig. Wenn man selbst Kinder hat, dann weiß man das, hehe! Da kannst Du dann auch nicht sagen, das oder das Kind magst Du lieber. Aber bei Leaves´ Eyes steckte ich auch immer alles rein, was geht: Produktion, Texte, die ganzen Gesangsmelodien usw. Also, es ist für uns eine sehr gute Möglichkeit auch in einem ganz breiten Spektrum zu arbeiten. Und wenn man genau weiß, was wo hingehört und es echt und ehrlich ist, ist es für mich ganz klar. Wenn man jetzt vom Projekt „Werk 80“ spricht, ist es ja auch nicht im negativen Sinne gemeint, sondern einfach, weil man sagt, wir machen da mal etwas anderes. Aber für eine gecastete, künstliche Band kann ich mich nach wir vor nicht begeistern. Also wenn mich einer fragt nach einem Studioprojekt und will da etwas aufnehmen, dann ist das etwas anderes. Dann muss ich sagen, ja okay. Da kann man etwas umsetzen. Aber wenn man sagt, ich habe hier eine Band und mache das aus musikalischer Leidenschaft und Freundschaft und dem Antrieb als Künstler, dann steht das für mich auf einem anderen Blatt.   

atrocity leaves eyesDaniel: Womit hängt es zusammen, dass beide Bands quasi identisch von der Besetzung her sind? Ist das Bequemlichkeit, um besser organisieren und alles unter einen Hut bringen zu können?

Alex: Ja, vom Gedankengang her ist es so natürlich praktikabler. Am Anfang hatten wir da aber gar nicht drüber nachgedacht, muss ich sagen. Wenn nicht alle Atrocty-Jungs mitgemacht hätten, dann hätten wir auch andere Jungs mit dabei gehabt. Das war zwischenzeitlich auch mal so, dass so ein bisschen mehr erst mehr trennen wollte mit unterschiedlichen Schlagzeugern oder verschiedenen Bassisten oder was weiß ich. Mittlerweile hat es sich jedoch so ergeben, weil es auch nicht so zwingend sein soll. Wir besprechen alles, wollen alle da mitmachen, also das ist ganz natürlich. Es ist kein Muss, dass man jetzt unbedingt bei beiden dabei sein muss. Es hat sich einfach so ergeben. Und interessanterweise: Als wir noch zwei Schlagzeuger hatten. Da hatte der Joris dann auch schon gesagt, er würde auch gerne in beiden Bands spielen, wenn er da mal einspringen muss, falls da organisatorisch mal etwas nicht geht. Da hat er sich auch tatsächlich mal alle Sachen draufgeschafft. Und wir waren einfach froh, dass es geklappt hat. Man muss aber auch sagen: Es ist nicht so einfach! Bei beiden Bands wird ja auch grundlegend etwas anderes verlangt. Wenn wir mal spezifisch über das Schlagzeug sprechen: Der Schlagzeuger muss schon grooven, aber eben auch die ganz extremen Sachen spielen können! Und wer Drummer und ein bisschen vom Fach ist, der weiß, da ist nicht immer gleich ein Drummer bei, der beides so gut beherrscht.   

Daniel: Ich dachte früher immer, dass Leaves´ Eyes das Soloprojekt von Liv Kristine Espenæs war. Ich hatte „Leaves´“ und „Liv´s“ immer für ein Wortspiel gehalten. War es für Dich von Anfang an klar, dass es nach der Trennung von ihr im Jahr 2016 trotzdem mit der Band irgendwie weitergehen würde?

Alex: Auf alle Fälle! Wir haben das nie so gesehen. Liv Kristine hatte ja tatsächlich damals auch schon ein Soloprojekt, weit vor Leaves´ Eyes, gehabt. Deswegen macht das überhaupt keinen Sinn. Klar, wir hatten natürlich eine Frontfrau, die im Vordergrund steht und die Interviews gibt, aber mir war das eigentlich auch ganz recht so, weil ich ja als Atrocity-Frontmann auch mehr da beschäftigt war mit der Pressearbeit und alle Hände voll zu tun hatte. Aber nein: Leaves´Eyes war nie nur ein Projekt und auch kein Soloprojekt von Liv Kristine.    

Daniel: Wie seid Ihr auf Elina Siirala von Angel Nation gekommen, die ja in Finnland lebt? Kommt es da überhaupt zu regelmäßigen Proben? Oder schickt Ihr Euch nur Dateien hin und her?

Alex: Die hat damals schon in England gewohnt, insgesamt zehn Jahre. Und mittlerweile wohnt sie in Deutschland, aber erst knappe zwei Jahre oder so. Jetzt ist sie auch schon über vier Jahre in der Band. Sie kommt eher aus dem klassischen Bereich und hat in England ihre verschiedenen Studien gemacht und hatte dann ihre Metal-Band mit Angel Nation am Start gehabt. Und so haben wir sie eigentlich auch kennengelernt. Wir hatten auf einem Festival gespielt, Days Of Darkness, da war sie dann mit dabei. Und dann waren auch Leaves´ Eyes dabei, als wir in England getourt waren. Und als wir dann gemerkt hatten, es geht so nicht weiter mi Liv, wir brauchen eine neue Sängerin, dann war das, mehr oder weniger, ein Blitzgedanke, sie zu fragen. Sie hat sehr gut gesungen, gute Performance usw. Wir fragen sie einfach mal, ob sie Lust hätte, ins Studio vorbeizukommen. Und da Elina auch Vollblutmusikerin ist, hatte ihr die Herausforderung auch gefallen, und sie hat gesagt, sie würde es gerne machen.

Daniel: Atrocity haben an sich nie „zweimal das gleiche Album gemacht“. Wenn Du auf Deine komplette Diskographie zurückblickst, gibt es dann ein Album, auf das Du besonders stolz bist oder vielleicht auch eins, das Du heute gar nicht mehr magst?

Alex: Haha, knifflige Frage! Aber so ähnlich hatte ich es ja eben schon gesagt, mit den Kindern, was Du bevorzugst. Stolz ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber so eine Art von Zufriedenheit und Erfüllung, wenn man diesen Metal-Lifestyle komplett lebt und dann etwas gemacht hat für die Ewigkeit, dann hätten wir uns nie erträumen lassen, dass wir in anderen Ländern und Kontinenten Fans auf der ganzen Welt haben. Das ist natürlich schon irre; vor allem wirklich auch als deutsche Band. Das muss man schon ganz klar sagen! Nicht jeder deutschen Band ist es vergönnt, dass man wirklich weltweit in der Szene bekannter wird. Und damit meine ich jetzt nicht, dass wir auf dem Niveau sind, dort Fotostars zu sein oder so! Das ist überhaupt nicht so! Einfach, dass man seine Duftmarke hinterlassen hat. Bei dem Feedback der Fans geht es da nicht nur um ein bestimmtes Album, sondern einfach dieses Gesamtding. Wir haben schon in Guatemala gespielt oder in El Salvador. Da kommen Leute, die wirklich von Anfang an Fans sind, die Tränen in den Augen und es nicht für möglich gehalten hätten, dass wir mal bei ihnen spielen! Auch in Japan war das so, als wir mit Leaves´ Eyes dort zuletzt gespielt haben; wirklich auch Death Metal-Fans, die dorthin gekommen sind. Und die Veranstalter meinten selber: ´Aber mit Atrocity müsst Ihr auch so schnell wie möglich kommen!´ Auch die ganzen Fans in Asien! Das bedeutet mir als Musiker schon viel muss ich sagen! Die Gesten und die Wertschätzungen, die man dann erfährt, sind etwas ganz Besonderes. Da muss man sich nichts drauf einbilden oder denken, man ist ein toller Held oder so etwas, sondern es ist eher schön zu sehen, dass es Leute gibt, die die Musik und die Emotionen, die Du freisetzt, für sich auch empfinden. Das ist sehr cool! Und mit den Platten: Ja klar! Ich meine, mit dem Debüt-Album, „Hallucinations“, mit dem Giger-Cover, das war natürlich geil! Wir hatten ja als Single auch „Blue Blood“ noch einmal aufgenommen – zum zweiten Mal! 1996 hatten wir das auch schon einmal gemacht. Di finde ich auch richtig geil, weil sie die Anfangstage sehr geil widerspiegelt, und weil die Songs immer noch richtig cool sind, auch nach so langer Zeit. Das sind immer noch geile Death Metal-Songs! Das spricht auch irgendwie für sich! Auch wenn Du Musiker-Kollegen hörst! Wir haben mal Slipknot Backstage getroffen. Der Nick hat mir dann Riifs von der „Todessehnsucht“ um die Ohren gehauen. Und er sagte auch, der Text von „Necropolis“ wäre genial. Da hätte er sich viele Gedanken drüber gemacht. Oder der Joey, der damals noch ihr Drummer war, hatte ein Tape gehabt mit den ersten beiden Platten, also „Hallucinations“ und „Todessehnsucht“, oder irgendwie so etwas, und hat die immer mitgespielt, bis die Tapes ausgeleiert waren, haha! Solche Sachen sind natürlich Dinger, die bleiben auch hängen! Und schön ist natürlich auch, dass man Massen bewegen konnte, anstoßen konnte, gerade so Pionierwerke oder das „Blut“-Album und die Sachen, die wir gemacht haben. Aber tatsächlich jetzt die „Okkult II“ finde ich, ist auch eine richtig geile Scheibe! Die würde ich auch ganz nach oben stellen bei uns. Ich bin ja selber auch Fan unserer Musik logischerweise. Man muss sich ja auch selber immer wieder zufrieden stellen, haha! Das muss ja auch erstmal uns gefallen. Und da muss ich auch sagen, strengt man sich auch an, dass man sich diese Ansprüche erfüllt. Also, von dem her, macht es uns tierisch Spaß. Da etwas von allein hervorzuheben, fällt mir extrem schwer! Und wie Du sagtest, „eine Platte, die man nicht so mag“, mein Gott, es gibt bestimmt bei jeder Band auch mal so Sachen, wo man hinterher sagt, hier und da hätte man etwas besser machen können, oder was weiß ich… Da gibt es genügend Sachen, auch Geschehnisse aus dem Studio oder irgendwas, die uns mit beeinflusst haben. Also, eine der schwierigsten Sessions, die wir jemals hatten, war mit Sicherheit die „Blut“-Platte, weil vor dem Mix des Albums das Studio ausgefallen ist. Aber am Ende interessiert es keine Sau mehr, haha! Da nahm man die Platte so an, und da gibt es hier und da Sachen, die haben wir anders gemacht. Aber gut, wir haben dennoch alles gegeben. „Calling The Rain“ ist auch so eine Sache! Das weiß ich noch ganz genau! Da hatte am Anfang keiner so richtig dran geglaubt, dass, wenn wir ein Mini-Album mit akustischen Sachen machen – da waren ja kaum Stromgitarren dabei, sondern alles eher akustisch und atmosphärisch usw. Da hatten wir im Prinzip kein Budget. Wir haben mit dem Studio ausgemacht, dass ich nachts komme, wenn keiner mehr im Studio ist, und meinen Kram dann aufnehme. Und morgens, wenn die wieder kamen, bin ich zum Label gefahren und habe weiter gearbeitet. Das machte ich drei Tage, und dann hatte ich meinen ersten Hörsturz oder so. Das sind verrückte Sachen, die bleiben einem in Erinnerung. Aber irgendwie hat es sich das Album dann zwanzig-, dreißig-, vierzigfach mehr verkauft, als man vorher erwartet hatte. Dann hätte ich das Album auch anders machen können; also vom Budget her, haha! Aber da war uns Geld echt scheißegal! Wir hatten immer den Antrieb, das zu machen. Wir glauben dran! Wir machen das!       

atrocityDaniel: Du bist das einzige noch verbliebene Urmitglied von Atrocity! Warum handelt es sich – trotz der vielen Stil- und Besetzungswechsel – für Dich bei Atrocity immer noch um dieselbe Band?

Alex: Haha! Ja, das ist schon echt eine gute Frage! Ja, ganz einfach: Weil ich glaube, dass die Seele in der Band oder der Antrieb, das Kreative, immer noch das gleiche ist und das Erbe der Band immer mitgetragen wird. Als ich die Leute von der Rockfabrik Ludwigsburg getroffen habe, die ja leider geschlossen wurde, oder Michael Schwarz, unseren zweiten Schlagzeuger, dien sind immer noch alle Atrocity. Das ist irgendwie schwierig zu beschreiben. Auch wenn die seit Jahren nicht mehr dabei sind: Der René zum Beispiel, der war ja bei der „Blue Blood“ noch dabei, aber beim ersten Album, „Hallucinations“, schon nicht mehr! Der fiebert genauso noch mit und ist ganz stolz auf unsere Shows und findet das geil, wie wir das noch weiter gemacht und konsequent durchgezogen haben. Das bedeutet einem natürlich auch viel!    

Daniel: Nochmal kurz zu Dir: Du arbeitest ja auch als Produzent. Du hast zum Beispiel „Lucifer Incestus“ von Belphegor, „New Morning“ von Rostok Vampires und die beiden Bloodred-Alben produziert und Alben von Sinister, Catamenia, Solitude Aeturnus, Doro oder Heavenwood gemastert. Wie bist Du dazu gekommen? Hast Du Dir Studiotechnik selbst angeeignet oder das richtig gelernt?

Alex: Tatsächlich beides, mehr oder weniger! Natürlich hatten wir ganz am Anfang das Problem, dass es kaum jemanden gab, der so einen Sound gemacht hat, wie wir uns ihn vorgestellt hatten. Wir haben das Debüt-Album ja dann auch in Florida gemacht. Das Atrocity-Demo und die erste Sinister-Platte, „Cross The Styx“, hatte ich dann schon produziert. Da gab es Atrocity auch schon länger, seit Mitte der Achtziger. Da hatten wir schon Erfahrungen gesammelt. Wir haben dann die „Todessehnsucht“ in Eigenregien produziert. Das war schon ein ganz schöner Brocken, muss ich sagen. Wir hatten ja auch gar nicht die technischen Hilfsmittel, die man heute alle so hat. Das war schon eine Herausforderung! Aber es waqr etwas ganz eigenes, schwer mit anderen Produktionen zu vergleichen. Das klang nicht wie das Morrissound oder so. Da hat man dann auch gesehen, das ist jetzt diese deutsche Atrocity-Produktion, dunkel und düster. Und das hatten uns damals auch die Slipknot-Jungs gesagt, dass sie das richtig cool fanden! Die haben uns auch gefragt, welchen Amp wir benutzt haben, haha! Ich habe auch viele Demo-Bands produziert zu der Zeit. Es gab da auch diesen Sampler, „Thrash The Wall“, den ich produziert hatte, bei Roadrunner, wo die Bands aus Ostdeutschland nach dem Mauerfall unterstützt haben. Ich hatte da viel gemacht, aber gleichzeitig auch bei der S.I.A. ein Studium angefangen, und ich dann beim Massacre Records auch angefangen habe. Und dann gab es da den schönen Kompromiss. Ich konnte dann da im Studio beginnen, was ich dann bei mir selber ausgebaut habe. Dann haben sie gesagt, ich soll aufhören mit dieser Studiererei, haha! Wir haben einen Gitarren-Sound gemacht, wo ich auch meinen Stempel hinterlassen habe. Für mich hat sich da tatsächlich beides zusammengefügt. Und zu meiner Zeit bei Massacre Records war mir schon klar, dass ich mich mal selbstständig machen würde als Produzent. Ich habe auch viele Bands im Studio begleitet, war in New York und in den Sunlight Studios und weiß der Geier wo und habe auch mit anderen Bands dort gearbeitet und viel für mich rausziehen können. Ein reines Studium alleine hätte das alles nicht hergegeben. Das hat sich sehr gut zusammengefügt, und ich habe mich zu meiner Zeit bei Massacre Records auch viel auf Sachen wie Mastering spezialisiert, weil so ein Feinschliff noch einiges bewirken kann bei so einer Platte und dann selbstständig gemacht. Das war Ende der Neunziger/Anfang der Zweitausender. Da bin ich das Mastersound Studio seriös angegangen.   

Daniel: Wie kann man mit Dir Kontakt aufnehmen, wenn man bei Dir aufnehmen will?

Alex: Ganz normal über die Homepage. Am besten per E-Mail einfach anschreiben und mich kontakten. Was ganz wichtig ist: Ich plane halt immer sehr weit im Voraus. Ich habe neulich eine amerikanische Band im Studio gehabt, Catalyst Crime. Da ist auch der Drummer von Xandria dabei, kanadische Leute und Amerikaner. Ich bin für alles offen: Studioprojekte, die anstehen, und Ideen, die jemand umsetzen möchte Als Produzent ist das nochmal eine andere Nummer.

Daniel: Was steht in Zukunft bei Atrocity und Leaves´ Eyes an? Was kommt da noch alles auf uns zu?

Alex: Ja, alles,was ich so möchte, haha! Nein, mal im Ernst: Also, die „Okkult III“ wird der nächste Schritt sein. Ich denke mal, dass wir eine EP vorne wegschicken werden, wie wir es auch bei der „Okkult II“ gemacht haben. So etwas in der Richtung könnte ich mir vorstellen. Und dann mal sehen. So ein paar Verrücktheiten haben wir da noch auf Lager.

Daniel: Wo Du das gerade sagst mit der Single, die vorab kam: Die gab es ja auch auf Vinyl, hatte aber zwei Songs weniger als die CD-Version, was für Sammler natürlich sehr ärgerlich ist…  

Alex: Ach ja! Das wurde aber später wieder korrigiert, soweit ich weiß…

Daniel: Nein, auf der 7“ waren nur „Masters Of Darkness“ und „Menschenschlachthaus“. Auf der CD waren noch „Gates To Oblivion“ und „Devil´s Covenant“ mit drauf.

Alex: Also ich habe irgendwie im Hinterkopf, dass da erst etwas falsch war, und es wurde hinterher korrigiert. Ist das bei dem Vinyl echt so, dass es nur zwei Songs sind? Weiß ich selber nicht auswendig, haha!

atrocityDaniel: Na gut, Alex! Dann gebührt Dir noch das Schlusswort!

Alex: Ja natürlich! Weil ja im Moment jeder davon spricht und es natürlich auch uns alle betrifft: Ich denke mal, wir werden da alle hoffentlich gut durchkommen! Es hat sich ja leider herausgestellt, dass ganz viele abstruse Geschichten entstanden sind. Es gibt eine Pandemie, es gibt einen Virus. Und dann dreht die ganze Welt durch. Ich denke, die Metal-Fans und wir alle sind natürlich ganz stark davon betroffen, weil uns dabei ja auch die Hände gebunden sind; egal man das alles einschätzen will. Und jeder hat seine eigene Meinung. Für uns ist es natürlich wichtig, dass sich die ganze Club- und Live-Situation bald wieder normalisieren kann, dass die Leute dann trotzdem noch zusammenhalten in dieser Zeit und sich jetzt nicht die Köpfe einschlagen wegen unterschiedlicher Meinungen, zum Beispiel. Es geht hier nicht um Populismus oder um Länder, politische Verrücktheiten oder Faschismus. Es ist wichtig für die Gesellschaft, dass wir uns das erhalten, was wir sind. Ein Virus sollte uns nicht alle ins Negative verändern. Irgendwie wird es schon weitergehen! Man hat schon manches erlebt. Ich hoffe, dass die Clubs und die Festivals und alles, was uns Spaß macht und uns Freude bereitet, bald weitergehen können. Ich hoffe, dass da bald irgendwas passiert, dass wir alle bald wieder zusammenkommen! Ich hoffe, ich habe Dir Deine Fragen zu Deiner vollsten Zufriedenheit beantwortet, haha! Danke für das Interview!

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Autor: Daniel Müller