SCORPIONS - BLACKOUT


Label:Harvest
Jahr:1982
Running Time:36:37
Kategorie: Classics
 
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Es ist wohl für jeden schwierig, eines seiner Lieblingsplatten adäquat in Worten zu beschreiben. Man ist damit vor einer Ewigkeit aufgewachsen. Da hängen Erinnerungen dran. Als ich 1990 mit mageren zwölf Jahren härtere Klänge für mich entdeckte, waren die Scorpions ganz vorne mit dabei; bis heute! Nach der Abschiedstour, die offiziell im Dezember 2012 endete, war das Gemecker groß, sie sollten doch nun endlich aufhören! Aber warum? Wer sie letztes Jahr mit Mikkey Dee am Schlagzeug erlebt hat, der weiß, wie fit sie auch heute noch sind. Für die meisten ist die Uli Roth-Phase von 1974 bis 1978 essentiell. Für mich nicht. Bin ich vielleicht nicht alt genug? Für mich klangen sie zu dieser Zeit noch unausgefeilt, quasi wie zwei Bands auf einer Split-LP: Es gab die mehr oder weniger typischen Meine/Schenker-Kompositionen, die – bis auf wenige Ausnahmen – mit ihren leichten Ausflügen in die Krautrock-Ecke, noch nicht richtig ausgereift waren, und es gab die Uli Roth-Songs, die stark an Jimi Hendrix angelehnt waren. Aber sie klangen für mich noch nicht wie eine Einheit. Und ich muss zugeben, dass ich Uli Roths Gesang auch fürchterlich finde. Das hat er im Übrigen auch selbst von sich behauptet. Es soll also hier keine Gotteslästerung meinerseits sein, haha! Klaus Meine hat ein einzigartiges Organ, das man unter tausenden Sängern heraushört, selbst dann, wenn man sich mit den Scorpions nicht sonderlich auskennt. Und fast wäre es gar nicht dazu  gekommen, weiter seine Stimme zu vernehmen! 1982, während der Aufnahmen zu „Blackout“ war seine Stimme dahin, und er musste mehrmals an den Stimmbändern operiert werden. Es gab wohl schon Aufnahmen mit Don Dokken als Ersatz. Dieser behauptet jedoch, lediglich ein paar spitze Schreie seinerseits beim Backgroundgesang heraushören zu können. Wie dem auch sei: Gesanglich, aber auch musikalisch, war „Blackout“ wohl das härteste Album der Hannoveraner bis heute. Die Band war gefrustet, und für Klaus Meine war es ein Befreiungsschlag. Der aggressive Titeltrack stellt dies eindrucksvoll unter Beweis. Es folgt „Can´t Live Without You“, bei dem Klaus Meine auch noch die höchsten Töne beherrscht. Der hymnische Rocker „No One Like You“ nimmt zwar etwas das Tempo raus, pumpt aber ordentlich. „You Give Me All I Need“ schlägt in etwa in dieselbe Kerbe. Das schnelle, durch seine Kürze etwas spontan anmutende „Now!“  ballert am Ende der A-Seite nochmal gut ein und gibt dem Hörer anschließend eine Verschnaufpause. Aber diese währt nur kurz. Mit „Dynamite“ wird man mit einem Doublenass-Kracher auf Seite B willkommen geheißen, der sich auch heute noch in jedem Live-Set der Band befindet; häufig verbunden mit dem obligatorischen Schlagzeug-Solo. Mit „Arizona“ folgt eine schwungvolle Hymne mit Ohrwurmcharakter.Danach folgt mit „Chine White“ ein ungewohnt harter, druckvoller und schon fast doomiger Song, der eindrucksvoll beweist, warum auch Metal-Fans, die mit Weichspüler Rock sonst nichts anfangen können, auch sehr wohl und mit Recht die Scorpions lieben dürfen. Das muss erstmal alles verdaut werden! Die Scorpions lassen Gnade walten und entlassen den Hörer – wie zu späterer Zeit viel häufiger – mit einer Ballade. „When The Smoke Is Going Down“, welches auch heute noch manchmal ihren Set beendet, entlässt den Hörer mit einem harmonischen Ende, welches ein rundum perfektes Heavy-/Rock-Album ohne jegliche Anzeichen von Lückenfüllern gekonnt abrundet. Die Musik und die Produktion knallen genauso wie das Cover, auf dem übrigens nicht – wie zunächst angenommen – Rudolf Schenker abgebildet ist. Es gibt ein paar Alben, die wirklich jeder besitzen sollte. „Blackout“ ist definitiv eines davon!

Note: 10 von 10 Punkten
Autor: Daniel Müller


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