ROCK HARD FESTIVAL

Gelsenkirchen, Amphitheater, 03.-05.06.2022

Rock Hard Festival - Index - live - 2022Auf Pfingsten freue ich mich jedes Jahr wie Bolle! In den Neunzigern fand an diesem Wochenende das Dynamo Open Air in Holland statt. Mittlerweile geht es jährlich ins viel näher gelegene Amphitheater nach Gelsenkirchen. Auch hier gab es jedoch zwei Unterbrechungen aus den bekannten Gründen. 2022 wird aber endlich wieder drei Tage voll ausgefahren.

 

Freitag, 03.06.2022:

Neck Cemetery - live - 2022Den Anfang machen am Freitag um 15 Uhr Neck Cemetery um Rock Hard-Schreiber Jens Peters am Gesang, dem „neuen“ Sodom-Gitarristen Yorck Segatz und Hornado-Basser Mad Matt. Und sie sind ein guter Opener, denn ihr fröhlicher Old School Metal sorgt bei dem Wetter richtig für Partylaune. Und sie haben richtig Bock, denn erst vor wenigen Wochen mussten sie ihren Gig im Lükaz aus gesundheitlichen Gründen kurzzeitig canceln. Heute ist aber alles gut. Vor „The Fall Of A Realm“ werden ein paar Worte gegen den Krieg in der Ukraine gerichtet. Beim letzten Song kommt Ex-Atlantean Kodex-Gitarrist Michael Koch als Gast auf die Bühne, der auch am Neck Cemetery-Album „Born In A Coffin“ mitgewirkt hat. Die Spielfreude ist jedenfalls groß und die Laune gut. So kann ein Festival gerne starten.

Sorcerer - live - 2022Danach betreten die schwedischen Epic Doom-Götter Sorcerer die Bühne. Lange war mir Johnny Hagel nur als Tiamat-Bassist auf „Clouds“ und „Wildhoney“ ein Begriff. Das einzig verbliebene Urmitglied von Sorcerer ist heute jedoch nicht dabei. Somit ist Sänger Anders Engberg, der zwischendurch eine Fahne mit Bandlogo schwingt, nun dienstältestes Mitglied der Band. Er kam „erst“ ein Jahr nach der Gründung, nämlich 1989, dazu. Seit ihrer Reunion im Jahr 2010 haben Sorcerer drei tolle Alben rausgehauen, von denen es heute eine bunte Mischung gibt. Die Musik hat so viel Wums, dass es trotz trägen Tempos nie langweilig wird. Zudem trifft Frontmann Anders Engberg auch alle lang gezogenen Töne. Doom Metal st ja eher Musik für zu Hause, aber bei Sorcerer funktioniert´s auch gut auf der Bühne. Ein guter Gig, der Spaß macht.

Nifelheim - live - 2022Mandy Malon kommt kurz auf die Bühne und sagt Nifelheim an. Ansonsten lässt sich heute kein Rock Hard-Redakteur auf der Bühne blicken. Die Schweden habe ich bislang nur einmal live gesehen, nämlich 2007 auf dem Arnhem Metal Meeting, dem Vorläufer des heute bekannten Eindhoven Metal Meeting. Die mit Ketten und Nieten übersäten Schweden mit grauem und schütterem Haar geben sich prollig und rotzig wie immer. So ganz passend ist der fiese Black-/Thrash am sonnigen Nachmittag zwar nicht, dennoch macht es richtig Bock, den Schweden beim Spielen zuzusehen. Sie haben auf jeden Fall Attitude, bis der Arzt kommt. Zudem sind sie heute gern gesehen, da im Black Metal-Bereich hier dieses Jahr nicht viel geht. Ich hatte zunächst die Befürchtung, dass sie nicht so gut ankommen würden, die Resonanz im Publikum war aber sehr positiv. Trotzdem wundere ich mich, dass ich Nifelheim immer nur auf großen Festivalbühnen sehe und nicht in kleinen dunklen Clubs, wo sie eigentlich hingehören.

Axxis - live - 2022Als Lokalpatriot freue ich mich immer auf Axxis. Der Fanclub war Mitte der Neunziger nur zwei Straßen entfernt bei mir in Kamen. Sie proben, meines Wissens, in Lünen, kommen aber offiziell aus Hamm. Egal, sowohl auf als auch vor der Bühne treffe ich dadurch auf viele vertraute Gesichter. Zwischendurch hatten Axxis ja auch mal eine Power Metal-Phase. Insofern ist es immer spannend, welche Songs denn nun gespielt werden. Und tatsächlich spielen sie im ersten Teil des Sets fast ausschließlich „neue“ Songs, angefangen beim flotten Opener „Monster Hero“ bis hin zu der Single „Virus Of A Modern Time“, das mit seinen dezenten Keyboards sehr an „Engel“ von Rammstein erinnert. Dann wird aber doch nochmal in der Vergangenheit gegraben, und es gibt „Little War“ vom 1993er Album „The Big Thrill", „Little Look Back“, bei dem „Fans und FanInnen“ (O-Ton Bernhard) kräftig mitsingen, von „Axxis II" sowie „Living In A World" und „Kingdom Of The Night“ vom Debüt. „Einen müssen wir noch spielen. Sonst bekommen wir Ärger. Dafür ist dieser Song aber auch nicht von uns“, sagt Sänger Bernhard Weiß und intoniert das Steam-Cover „Na, Na, Hey, Hey, Kiss Him Goodbye“, das jedoch völlig deplatziert wirkt. Da hätte man durchaus noch einen eigenen, alten Gassenhauer bringen können. „Kings Made Of Steel“ wäre zum Beispiel schick gewesen. Aber was soll´s… Auf der Bühne herrscht viel Bewegung und Spielfreude. Sänger Bernhard Weiß ist ein Entertainer, hat das Publikum im Griff und trifft auch die höchsten Töne. Auf die präzise Maschine Dirk Brand hinter der Schießbude ist ebenfalls Verlass. Aber unterm Strich fand ich es aufgrund der Songauswahl heute trotz guter Leistungen der beteiligten Musiker eher durchwachsen.

Heathen - live - 2022Die Bay Area Thrasher Heathen sind live bekanntlich eine Bank und deshalb auch auf dem Rock Hard Festival gern gesehene Gäste. Nicht nur ihre beiden alten Werke „Breaking The Silence“ (1987) und „Victims Of Deception“ (1991) können überzeugen, auch ihre beiden Alben nach der Reunion sind bei den Fans zu Klassikern geworden. Und somit stört es auch niemanden, dass es heute eine gesunde Schnittmenge aus alt und neu gibt. Sie haben mittlerweile zwei neue Mitglieder dabei, die ich noch nicht mit ihnen auf der Bühne gesehen habe, nämlich die Rhythmusfraktion um Bassist John Mirza (seit 2019) und Schlagzeuger Jim DeMaria. Durch die lange Corona-Pause gab es aber genügend Zeit zum Proben, und tatsächlich brillieren Heathen heute wie eine geölte Maschine, als wenn sie noch nie etwas anderes gemacht hätte. Die Musiker um  Sänger David R. White, der zwar eigentlich nicht zur Originalbesetzung gehört, aber dennoch auf allen vier Alben zu hören ist, brilliert in allen Tonlagen. Außerdem zeigt die Band, was sie spielerisch drauf hat. Mal sind sie schnell, mal groovig, aber immer arschtight, was vor allem dann erkennbar ist, wenn die fiesen Breaks genau auf den Punkt kommen. Heathen ist heute nicht nur die erste Band von zwei amerikanischen Bands an diesem Tag (und sogar am ganzen Wochenende), sondern auch die erste, wo sich in der Menge ein großer Moshpit bildet. Zum Schluss gibt es die Klassiker „Death By Hanging“ und „Hypnotized“. Bei letzterem weißt der Frontmann darauf hin, dass man sich die Neuauflage von „Victims Of Deception“ in farbigem Vinyl kaufen soll. Dabei weist er die Sammler aber darauf hin, dass er die Nummer 1 besitzt und man diese nicht mehr zu suchen braucht. Dieser Auftritt hat richtig Laune gemacht!

Sacred Reich - live - 2022Auf Sacred Reich bin ich heute besonders gespannt. Auf einem Festival spielen sie selten mal anderthalb Stunden. Früher hat Sänger Phil Rind immer Songs vom 1996 erschienenen Album „Heal“ als Songs vom „neuen Album“ angesagt. Mittlerweile gibt es mit „Awakening“ aus dem Jahr 2019 aber tatsächlich eins, haha! Und davon wird heute auch viel gespielt. Die Band fackelt ein Feuerwerk ab, wie man es von ihnen gewohnt ist. Es gibt Songs aus allen Phasen auf die Ohren. Die Klassiker wie „The American Way“, der Hit „Who´s To Blame“ oder das abschließende „Surf Nicaragua“ dürfen dabei natürlich nicht fehlen. Aber auch die Titeltracks der beiden damals etwas untergegangenen Alben „Independent“ (1993) und „Heal“ (1996) finden den Weg in die heutige Setlist. Die Band ist ständig in Bewegung und sprüht vor Spielfreude. Sänger Phil Rind erzählt bei seinen Ansagen häufig längere, lustige Anekdoten, die für Erheiterung im Publikum sorgen. Ob alle schon ihr Merch gekauft haben, fragt er. Ja, einige hatten es schon mitbekommen: Am Abend zuvor bei ihrem Gig in Mannheim hatte es keine Shirts gegeben, da sie irgendwo in England feststeckten. Und so ist es auch noch heute.  Aber immerhin kann man sich über einen guten Auftritt der Amis freuen, Besonders in den Midtempo-Parts grooven Sacred Reich wie Sau. Auch das Synchron Headbangen kommt gut rüber. Der Funke springt auch auf das Publikum über, denn der Moshpit, der sich bei Heathen gebildet hat, ist nun viel größer und enthusiastischer geworden. Auffällig ist, dass alle Bands heute in gediegener Lautstärke spielen, Sacred Reich aber viel lauter und wuchtiger sind, so als ob sie ihren eigenen Mischer mitgebracht haben. Die Amis werden ihrem Status als Headliner heute jedenfalls mehr als gerecht. Und so endet der erste Tag dieses schönen FestIvals in harmonischem Einklang.

Samstag, 04.06.2022:

Indian Nightmare - live - 2022Indian Nightmare kenne ich tatsächlich nur vom Namen. Ich kenne ein paar Leute, die da echt drauf kaputtgehen, und so überrascht es nicht weiter, dass vor der Bühne am frühen Mittag schon gut was los ist. Die Mitglieder stammen aus Indonesien, Italien, der Türkei und Mexiko, dennoch handelt es sich um eine Combo aus Berlin. Ihre Musik ist eine Mischung aus Heavy Metal, Speed Metal und einer gehörigen Portion Crust Punk. Dementsprechend ruppig geht es hier auch zu. Mit geschminkten Gesichter kommen die Musiker auf die Bühne und legen einen energischen Set hin.  

Suicidal Angels - live - 2022Suicidal Angels sind Thrash Metaller aus Griechenland. Ich habe sie schon einige Male live gesehen, allerdings ist das auch schon wieder eine ganze Weile her. Aber sie sind heute noch genauso, wie ich sie in Erinnerung habe: Die Hellenen machen ordentlich Dampf, fahren das Gaspedal aus, legen eine große Spielfreude hin und machen richtig Bock. Ich kenne nur ihre ersten beiden Alben; mittlerweile gibt es jedoch tatsächlich schon sieben! Fleißig, fleißig! An der Marschroute scheint sich aber nicht sonderlich viel geändert zu haben, denn ihr Set knallt wie aus einem Guss und kommt ohne nennenswerte Experimente aus. Auf die Griechen sind halt immer noch Verlass!

Villagers Of Ioannina City - live - 2022Die einzige Band des Festivals, die ich noch nicht einmal vom Namen her kenne, sind Villagers Of Ioannina City. Sie sind auch die einzige Band des Festivals, die nicht bei Metal Archives aufgelistet sind. Laut Internetrecherchen kommen sie – genau wie die vorherige Band Suicidal Angels - aus Griechenland und spielen eine Mischung aus Post-, Stoner-, Psychedelic Rock und griechischer Volksmusik. Aha. Klingt chaotisch? Ist es tatsächlich nicht, dennoch wirken sie auf dem Festival ein bisschen wie ein Fremdkörper. Interessant und gut gemacht ist die Mischung allemal, dennoch wollen sie bei mir nicht so richtig zünden. Aber mal eine Band Pause oder nur aus dem Hintergrund ist ja auch nicht verkehrt, wenn man mal ein Bier trinken und /oder mit Freunden quatschen will, vor allem, weil ja seit knapp zwei Jahren gar nichts ging.  

Atlantean Kodex - live - 2022Bei der kurzen Spielzeit, die Atlantean Kodex heute haben, ist klar, dass mehr als fünf Songs nicht drin sein würden. Im Underground sind sie sehr beliebt, und so ist es vor der Bühne auch gut gefüllt.  Dennoch kann ich den Hype um die Band nicht ganz nachvollziehen. Ihre Songs sind durchgehend schleppend und monoton, und in den Songs passiert einfach mal gar nichts. Die Bandmitglieder bewegen sich auch kaum. Lediglich bei de Bandhymne „The Atlantean Kodex“ am Schluss wird das Tempo mit Doublebass mal etwas angezogen. Zum Hören zu Hause im Hintergrund erscheint mir das okay zu sein, live jedoch nicht. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung. Dem Publikum gefällt´s, es wird fleißig mitgesungen, und Atlantean Kodex werden von ihren eingeschworenen Fans gehörig abgefeiert. Und solange Band und Fans zufrieden sind, ist, denke ich, alles gut!

The Night Flight Orchestra - live - 2022The Night Flight Orchestra ist auch so eine Band, die ich nur vom Namen her kenne. Hie spielen Leute von Soilwork und Arch Enemy mit, wird mir gesagt. Outfit und Musik sind aber komplett anders. Nur so machen Zweit-Bands und Nebenprojekte Sinn. Ob es einem gefällt, steht auf einem anderen Blatt. Mein erster Gedanke ist, sie sehen aus wie Matrosen und klingen wie Avantasia, haha! Das Ganze sieht zwar sehr skurril aus, allerdings sorgt es auch für Partylaune, und das Publikum geht richtig mit. Hätte ich nie gedacht! Zu Hause würde die CD bei mir rumstehen, aber als Abwechslung auf einem Festival machen The Night Flight Orchestra schon Bock!

Grave Digger - live - 2022Grave Digger sind eine der fleißigsten deutschen Metal-Bands überhaupt. Man muss nie länger als zwei Jahre auf ein neues Langeisen warten, und dennoch werden die Erwartungen jedes Mal erfüllt. Stilbrüche oder Schwächen sind bei ihnen nicht auszumachen. Das gilt auch für ihre Live-Performance. Gesehen habe ich sie schon oft, schlecht waren sie noch nie, und auch heute springt der Funken erneut über. In meinem Interview sagte mit Chris Boltendahl damals, dass das Thema Schottland nun ausgereizt sei, dass es aber noch spezielle Shows zu der Thematik geben werde. Eine davon findet heute statt. Viele Trommler und Dudelsackspieler sind heute zu Gast, die das Intro und ein paar Zwischenstücke spielen. Wenn die Band alleine spielt, tanzen und schunkeln sie dazu und wirken ein wenig deplatziert. Die Band dagegen, die von Gastsänger Andreas von Lipinski zusätzlich unterstützt wird, stampft ordentlich im Headbanger-tauglichen Midtempo, aber es gibt auch schnellere Songs. Was alle Tracks aber gemeinsam haben, sind die unsterblichen Hymnen, der jeder sofort mitgrölen kann. Und genau das passiert hier heute natürlich auch. Die Partylaune geht von der arschtight aufspielenden Band locker auf das Publikum über, und es wird ausgelassen gefeiert. Die Setlist beinhaltet – neben den Songs der „Schottland-Trilogie“ – noch den Titeltrack des 1999er Albums „Excalibur“, die neue Single „Hell Is My Purgatory“ vom im August erscheinenden Album „Symbol Of Eternity“ und die letzte Zugabe „Heavy Metal Breakdown“ als einzigen alten Klassikers. Grave Digger machen live immer Bock, und so ist es auch heute! 

Asphyx - live - 2022Auf Phil Campbell And The Bastard Sons bin ich heute besonders gespannt! Doch leider wird bereits vormittags angekündigt, dass jemand aus der Band erkrankt ist, sie nicht spielen können und durch die niederländische Death Metal-Institution Asphyx ersetzt wird.  So lange wie heute hatten sie wohl noch nie gespielt. Die Band hat richtig Bock und legt sich richtig ins Zeug. Sänger Martin van Drunen hat das Publikum mit seinen Ansagen in perfektem Deutsch voll im Griff. Er betont, dass die Texte von Asphyx Krieg nur darstellen und nicht verherrlichen und entlockt den Fans im Pit ein lautes „Putin Arschloch“. „Hoffentlich macht meine Stimme das mit. Ich habe seit dreißig Tagen nichts gemacht, außer Vögeln und Saufen eigentlich.“ Ja, Asphyx-Ansagen sind immer für einen Lacher gut. Und dafür, dass sie erst um elf Uhr morgens gefragt wurden, ob sie einspringen, klappt alles hervorragend. Heute gibt es fast ausschließlich neuere Songs der letzten drei Alben. „Wie lange haben wir überhaupt Zeit?“, fragt van Drunen, bevor die Band mit dem neunminütigen „The Rack“ und „Last One On Earth“ („Last One In Gelsenkirchen“) wenigstens die Titeltracks der ersten beiden Alben von früher. Asphyx sind heute jedenfalls ein toller Ersatz und für mich persönlich auch die beste Band des Tages.

Blind Guardian - live - 2022Mit Blind Guardian spielt heute ein Headliner, der gar nicht weit von Gelsenkirchen entfernt wohnt, nämlich in Krefeld. Somit haben sie heute auch eine große Fan-Basis dabei, die scharf auf ihren Auftritt ist. Auf dem Keep It True Rising Festival im April war das Geheule groß, dass sich die Krefelder nicht an das angekündigte Old School Set gehalten haben. Und die Keep It True-Fans werden sich beim Live-Stream heute richtig in den Arsch gebissen haben, denn heute gibt es tatsächlich nur altes Zeug: Es geht los mit dem Intro „War Of Wrath“ und dem Opener „Into The Storm“ vom „Nightfall In Middle-Earth“-Album, von dem später auch noch „Time Stands Still (At The Iron Hill)“ und der Titeltack folgen. Es gibt noch „Welcome To Dying“, bevor sie zum dreißigjährigen Jubiläum tatsächlich das komplette 1992er Epos „Somewhere Far Beyond“ am Stück spielen, jedoch ohne die Cover-Bonustracks „Spread Your Wings“ (Queen) und „Trial By Fire“ (Satan). Die kurze Piano-Ballade „Black Chamber“ stellt dabei sogar eine Weltpremiere dar.  Als Zugabe gibt es „Valhalla“ mit einem endlosen Singsang-Part, der genauso fanatisch mitgesungen wird wie „The Bard´s Song – In The Forest“ und „Mirror, Mirror“. Um kurz vor 23 Uhr ist dann pünktlich Schluss. Die Ansagen von Sänger Hansi Kürsch haben immer noch etwas von „ZDF Fernsehgarten“, dafür ist er aber heute gut bei Stimme. Alles in allem sind Blind Guardian heute ein ganz toller und würdige Headliner.

Sonntag, 05.06.2022:

Wolvespirit - live - 2022Heute bin ich etwas spät dran und höre Wolvespirit nur auf dem Weg vom Parkhaus zum Festival-Gelände. Ich kann mich daran erinnern, dass Kollge Kommodore damals ein Riesen-Fan der Band war und ein ausführliches Interview für CROSSFIRE mit ihnen geführt hatte. Er ist jedoch leider nicht mehr bei uns, und auch unser Female-Fronted Rock-/Metal-Spezialist Pistol erscheint erst zeitgleich mit mir auf dem Gelände. Unterwegs drönt mir jedoch Siebziger Rock entgegen, der mich etwas an alte Rainbow erinnert, jedoch mit kraftvollem Frauengesang und mitreißenden Ansagen, die das Publikum zum Mitmachen animiert. (Foto: Debus)

Sulphur Aeon - live - 2022Rock Hard-Redakteur Hacky betritt die Bühne und begrüßt mich mit “Moin, Butcher!”, bevor er „die schnellste, brutalste und für ihn beste Band des Tages“, Sulphur Aeon, aus Waltrop bei Recklinghausen ansagt. Und hier geht´s auch richtig ab. Überrascht Sänger M. beim Opener noch mit theatralischem, melodischem, etwas an Candlemass erinnernden Gesang, so geht es ruppig mit finsterem Blackened Death Metal weiter. Der graue Himmel und der langsam einsetzende, noch seichte Regen passen dabei perfekt zu den Lovecraft-Texten der Band. Atmosphärische Intros leiten viele Songs ein, Ansagen gibt es nicht. Es wird auf der Bühne ausgiebig gebangt, und dennoch sitzt jeder Schlag bei diese durchaus anspruchsvoll gespielten Musik, die von doomigen Riffs über verzwickte Breaks bis hin zu Blastbeats alles enthält und keine Wünsche offen lässt.

Artillery - live - 2022Artillery aus Dänemark habe ich zum ersten Mal 2000 in Wacken gesehen. Der damalige Sänger, Flemming Rönsdorf, ist längst nicht mehr dabei. Ich kenne auch die neueren Alben der Band alle nicht. Somit kenne ich auch nicht alles aus der heutigen Setlist. Es gibt aber auch einige alte Klassiker, wie „By Inheritance“, „Bombfood“, „The Challenge“, „Khomaniac“ , „Terror Squad“ und „The Almighty“ auf die Mütze. Und auch den Songs aus der Frühphase steht de viel melodischere Gesang des 2012 dazugekommenen Sängers Michael Bastholm Dahl, der sogar in den Fotograben rennt, um die Leute in der ersten Reihe abzuklatschen, gut zu Gesicht. Die Band klingt dabei so tight und brachial wie immer. Geiler, kurzweiliger Auftritt der sympathischen Dänen.

Night Demon - live - 2022Night Demon kann man immer gucken, weil sie live einfach eine Bank sind. Dass sie nur zu dritt sind, fällt gar nicht auf, denn bei den Soli fehlt keine Gitarre im Hintergrund. Der – ebenso wie die Gitarre – V-förmige Bass knarzt aggressiv und ersetzt dadurch gekonnt eine Rhythmusgitarre. Die Musik klingt schön alt. Ich muss immer an Diamond Head als passenden Vergleich denken, jedoch sind Night Demon etwas schneller. In der Mitte des Sets covern sie „The Sun Goes Down“ von Thin Lizzy und ziehen das Tempo später mächtig an. Für die Optik betritt ein Kapuzenmann mit Totenschädel und einem Kelch in der Hand die Bühne und posiert in Zeitlupe. Night Demon ist die erste Band am heutigen Tage, die für eine Zugabe zurück auf die Bühne kommt. Bassist und Sänger Jarvis Leatherby und Gitarrist Armand John Antony rennen wild auf der Bühne hin und her und gönnen sich keine Pause. Dass Jarvis nicht aus der Puste ist und noch jeden Ton trifft, ist bemerkenswert. Night Demon kommen gut an und werden fanatisch gefeiert. Dass es zwischendurch einen kurzen Schauer gibt, stört auch noch niemanden.  

Midnight - live - 2022Ich kann mich noch an den Katastrophen-Auftritt im Helvete in Oberhausen erinnern, wo der besoffene Schlagzeuger nichts mehr gecheckt hat und sogar Leute aus dem Publikum befragt wurden, ob sie den Gig für die Band zu Ende spielen könnten. Heute ist davon nichts zu sehen. Die Black-/Speed Metaller Midnight aus Cleveland, Ohio, betreten komplett in schwarz gekleidet, mit Patronengurten, Kapuzen und vermummt die Bühne. Auch sie sind nur zu dritt und rennen ständig hin und her. Viele Leute neben mir finden es zu schrammelig, ich kann mich aber daran erinnern, dass sie auf Konserve genauso klingen. Die Musik erinnert an ganz alte Bathory und Venom, versehen mit einer gehörigen Portion Punk. Asig runtergerotzt rumpelt sich das Trio durch das Set, das ich zwar unterhaltsam, aber unterm Strich deutlich zu lang finde. Zudem trübt auch der immer stärker werdende Regen die Freude beim Zuschauen. Dennoch machen Midnight ihre Sache dieses Mal – trotz räudigen Bühnen-Sounds - richtig gut und hinterlassen – zumindest bei mir – heute einen positiven Eindruck. 

Michael Monroe - live - 2022Der Finne Michael Monroe, der bürgerlich eigentlich Matti Antero Fagerholm heißt, war früher Sänger der Glam Rock-Band Hanoi Rocks, die ich sogar mal vor vielen Jahren auf dem Bang Your Head live gesehen habe. Ich glaube, es war 2001. Ich bin kein großer Fan von Glam Rock, halte es aber für Partymucke, die auf Festivals durchaus funktionieren kann. Nach einem merkwürdigen Intro mit Saxofon betreten der Blondschopf, der beim letzten Song auch selbst noch einmal zum Saxofon greift, und seine Band die Bühne. Der Opener ist aber eher punkig. Und so bleibt es zu meiner Überraschung auch im weiteren Verlauf. Das ist mehr Punk ´n´ Roll als Glam, bis auf die Klamotten und die Frisuren natürlich, haha! Aber ich fühle mich beim Zuhören eher an die Sex Pistols und The Damned als an Mötley Crüe oder Poison erinnert. Einige Songs kommen mir auch irgendwie bekannt vor, obwohl ich mit keiner seiner Bands vertraut bin. Ich habe mir von einem Fan neben mir erklären lassen, dass drei Songs von seiner späteren Band Demolition 23 dabei sind (die ich natürlich auch nicht kenne) und dass nur ein Song tatsächlich von Hanoi Rocks stammt, nämlich „Malibu Beach Nightmare“. Ich habe keine Ahnung. Was ich aber weiß, ist, das „Up Around The Bend“, das direkt danach folgt, von Creedence Clearwater Revival“ ist und nicht so richtig zum Rest der Setlist passen will. Ich habe es mir jedenfalls viel kitschiger und nicht so rotzig vorgestellt, was ich mal als positive Überraschung werte. Ein Fan von Michael Monroe, der am Schluss noch sein Mikrofon am Kabel mehrfach auf den Boden schleudert, werde ich heute aber nicht. (Foto: Debus)

Sodom - live - 2022Als Surprise Act treten heute Sodom vor dem Headliner auf. Der Jubel ist groß, als Tom Angelripper die Bühne betritt, und es gibt irritierte Gesichter, als Andy Brings als Gitarrist aufläuft. „Andy Brings spielt wieder da? Hat Tom schon wieder alle rausgeworfen?“, sind die Fragen, die man sich im Publikum stellt. Doch es kann Entwarnung gegeben werden: Vor genau dreißig Jahren erschien das Album „Tapping The Vein“, das die Band von einer viel brutaleren Seite zeigte. Während andere Bands sich immer mehr von ihren Wurzeln entfernt hatten, hatten Sodom noch eine Schüppe draufgelegt. Damals war Andy Brings der Gitarrist. Schlagzeuger Chris Witchhunter kann heute nicht dabei sein, da er bereits 2008 verstorben ist. Also kein Grund zur Panik! Von dem Jubiläumsalbum werden heute aber nur drei Songs gespielt: das rasend schnelle „Body Parts“, den Midtempokracher „One Step Over The Line“ und natürlich den „Scheiß Fucking Wachturm“ (O-Ton Tom Angelripper), der aber zuvor kurz mit dem Anfangsriff von „Balls To The Wall“ eingeleitet wird. De schnelle Opener klingt noch sehr chaotisch, da Toni Merkel viel schneller und vor allem präziser spielt als alle seine Vorgänger. Zu Beginn klingt alles noch sehr chaotisch. Aber das gibt sich im weiteren Verlauf. Spaß machen Sodom immer, auch mit kurzer Spielzeit und in Session-Besetzung! (Foto: Debus)

Accept - live - 2022Mit den Solingern Accept betritt die wohl dienstälteste noch existierende Metal-Band Deutschands die Bühne. Der „neue“ Sänger Mark Tornillo ist nun auch schon seit 2009 dabei und hat mit der Band fünf bockstarke Alben hingelegt. Ich persönlich finde es etwas befremdlich, dass ich Accept zum ersten Mal ohne Peter Baltes am Bass sehe, dafür aber mit drei Gitarren, was ultrafett rüberkommt. Was Accept bieten, ist aber die gewohnte Kost: messerscharfe Riffs, pumpende Rhythmik, die (für mich) besten Backing-Chöre aller Zeiten und einen Sänger, der seinem Vorgänge in nichts nachsteht und den alten Klassikern seinen eigenen Stempel aufdrückt, ohne sie zu verhunzen. Die Setlist ist eine ausgewogene Mischung aus altem und neuem Material. Die beiden neuen Songs „Zombie Apocalypse“ und „Symphony Of Pain“ zeigen, das mit Accept auch heute noch zu rechnen ist, bevor mit „Living For Tonite“ und „Restless And Wild“ die ersten alten Klassiker ertönen. Mit „Overnight Sensation“ und „The Abyss“ gibt es wieder zwei Songs aus der Mark Tornillo-Ära. Am meisten überscht mich „Objection Overruled“, der Titeltrack des 1993er Reunion-Albums. Danach folgt „Shadow Soldiers“ vom „Stalingrad“-Album, bevor die Mitsing-Hymne „Princess Of The Dawn“, „Fast As A Shark“ und „Metal Heart“ den Mittelteil bilden. „Teutonic Terror“ stampft wie Sau. „Pandemic“ ist heute aktueller denn je. Überraschend folgt ein cooles Medley aus „Demon´s Night“, „Starlight“, „Losers And Winners“ und „Flash Rocking Man“, bevor man mit den beiden Zugaben „Balls To The Wall“ (mit endlos langem Singsang-Part) und dem coolen Rocker „I´m A Rebel“ schließlich das Festival beendet. Die Band ist perfekt aufeinander eingespielt, der Sänger gut bei Stimme, das für Accept typische Synchron-Posing stimmt auch. Außerdem halten sich alte Klassiker und neue Songs die Waage. Ich hatte insgeheim ein 40 Jahre „Restless And Wild“-Set erwartet, finde es aber auch gut, dass dies heute nicht der Fall ist, denn ich persönlich mag – bis auf zwei Ausnahmen – alle Alben von Accept, die eine meiner ersten Metal-Bands überhaupt waren, als ich Anfang der Neunziger in die Szene eingestiegen war. Accept sind heute ein würdiger Abschluss für ein tolles Festival, das genauso war wie früher: mit vielen Freunden, toller Stimmung und ohne Masken! (Foto: Debus)      



Autor: Daniel Müller - Pics: Daniel Müller - Marc Debus