Daniel: Hallo Jörg! Lass uns doch mal ganz von vorne anfangen: Wann und wie kam es zur Gründung von The House Of Usher?
Jörg: Es ist gar nicht so einfach, den Anfangspunkt der Band zeitlich zu lokalisieren. Ich erinnere mich, dass wir auf Markus‘ Geburtstag vor ein paar Besuchern zwei oder drei Songs spielten, und dass sich das furchtbar anfühlte ... gar nicht so großartig, wie wir erwartet hatten. Ich weiß noch, dass wir danach erst mal ein paar Wochen gar nichts gemacht haben. Aber dann hatte ich plötzlich einen Namen für die Band - die ist ja noch gar nicht gab! - und ich sagte zu Markus: „Lass uns ein Demo-Tape aufnehmen!“ Ich hatte eine ziemlich konkrete Vorstellung davon. Sechs Songs sollten darauf sein, die Laufzeit insgesamt bei etwa 60 Minuten liegen. Wir trafen uns also, ich programmierte ein paar einfache Rhythmen auf dem Drumcomputer, den ich mir zwischenzeitlich gekauft hatte, Markus spielte dazu Gitarre und Bass. Zu zwei Songs sang ich etwas. Aufgenommen wurde das Ganze auf einem 4-Spur-Kassettenrekorder, und die Möglichkeiten, nachträglich etwas zu ändern, waren sehr eingeschränkt. Das Tape war eigentlich eine Zumutung. Es trug den Titel „Tales Of Despair“, und das war die Geburtsstunde von The House Of Usher im Sommer 1990.
Daniel: Hattet Ihr zuvor schon in anderen Bands gespielt?
Jörg: Nein, wir hatten beide keinerlei Banderfahrung. Und trotzdem konnten wir intuitiv die ersten eigenen Songs schreiben, vor allem natürlich Markus, der ja schon lange davon geträumt hatte, eigene Tonträger zu veröffentlichen und auf der Bühne zu stehen. Ich war gar nicht so sehr auf Musik festgelegt, sondern studierte damals Architektur, zeichnete sehr viel und war als Autor aktiv. Für mich war die Band von Anfang an ein Gesamtkunstwerk, in dem all diese Dinge zusammenfanden.
Daniel: Ich finde, dass sich alle Eure Alben ziemlich ähneln. Einen nennenswerten Stilbruch gibt es nicht zu verzeichnen, auch wenn ich die letzten Alben als etwas seichter und atmosphärischer empfunden habe. Welche Bands haben Euch hauptsächlich beeinflusst? Und haben sich diese Einflüsse in all den Jahren überhaupt geändert?
Jörg: Stilbrüche empfinde ich persönlich immer als etwas unglücklich. Mir fallen da spontan Paradise Lost ein, die eben noch Metal gemacht hatten und plötzlich nach Depeche Mode klangen. Solche Entwicklungen gehen aber meiner Meinung nach weniger von den Bands als von den Produzenten aus. Produzenten werden generell viel zu wenig wertgeschätzt. Der Sound der 1980er etwa wäre ohne Trevor Horn kaum vorstellbar gewesen. U2 wurden erst richtig brillant, als Brian Eno sich ihrer annahm. Und ob Joy Division ohne Martin Hannett ihren unverwechselbaren Sound gehabt hätten, weiß ich auch nicht. Und damit habe ich auch schon einige Vorbilder genannt, die uns die ganze Zeit über begleitet haben. Eigentlich sollten sich die The House Of Usher-Alben nicht zu sehr ähneln. Es sind ja kaum zwei Alben in derselben Besetzung aufgenommen worden. Dass es dennoch einen so deutlichen roten Faden gibt, kann ich mir nicht anders erklären, als dass es am Gesang und an der Produktion liegt, die ich entweder selber gemacht oder zumindest „überwacht“ habe. Auch die Gastaufritte als Sänger für Sweet Ermengarde und Reptyle klangen ja irgendwie nach The House Of Usher. Möglicherweise ist das auch der Grund, warum kein Musiker, der die Band verließ, später auch nur annähernd nach The House Of Usher klang.
Daniel: Der Bandname und die Schriftart erinnern ein wenig an The Sisters Of Mercy. Besteht Ihr ebenso auf den Artikel am Anfang des Namens? Soll man also The House Of Usher bei "T" und nicht unter "H" einsortieren? Andrew Eldritch sagt über seine Band ja Ähnliches...
Jörg: Also, mir ist das „The“ schon wichtig! Aber vielleicht ist das auch nur Gewohnheitssache? Einordnen würde ich uns trotzdem unter „H“ ...
Daniel: Wovon handeln Eure Texte? Und wovor nimmst Du die Inspiration dafür?
Jörg: Die Inspiration gibt mir das Leben selbst. Manchmal sind es kleine Beobachtungen im Alltag, manchmal große Gefühle, manchmal eine Mischung aus beidem. Etwa „Attention Thieves“ auf dem aktuellen Album, das die personelle Veränderung innerhalb der Band thematisiert. Die Musik hilft mir (wie auch meine Bilder und Texte), Dinge zu verarbeiten, sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und eventuell zu neuen Schlüssen zu kommen.
Daniel: Du schreibst als Autor auch viele mystische Kurzgeschichten im H. P. Lovecraft- und Edgar Allan Poe-Stil. Vertont Ihr diese auch teilweise? Oder trennst Du beides ganz strikt voneinander?
Jörg: Es ist eher andersherum, dass ich zu manchen Musikstücken Geschichten schreibe, die dann ja auch regelmäßig zu unseren Veröffentlichungen abgedruckt werden. Das Album „Cosmogenesis“ wurde vom gleichnamigen Buch begleitet. Vor einigen Jahren wurden alle The House Of Usher-Erzählungen zu einem prächtigen Band mit dem Titel „Zwischen Trug und Traum“ zusammengefasst. Bei der Arbeit an diesem Buch wurde mir erst richtig bewusst, dass sie alle zusammen ein geschlossenes Kontinuum bilden.
Daniel: Welche weiteren Autoren inspirieren Dich noch zu Texten?
Jörg: Nun, es gibt einige deutsche Kollegen, deren Arbeit mich beeinflusst, und es gibt viele Klassiker, die ich sehr schätze. Einer der Autoren, die mich immer wieder beeindrucken, ist J. G. Ballard. Seinen Text „Die Komsat-Angel“, der namensgebend für eine meiner Lieblingsbands (The Comsat Angels) war, „Der finale Strand“ hat Spuren in „Pandora’s Box“ hinterlassen, und wer darauf achtet, wird auch in „Walking Ghosts“ Parallelen zu seiner Arbeit entdecken!
Daniel: Wenn ich richtig informiert bin, habt Ihr erst nach "Cosmogenesis" (1999), mit dem Einstieg von Ralf Dunkel (Bass) und Axel Burgard (Schlagzeug) aufgehört, mit einem Drumcomputer zu arbeiten. Waren The House Of Usher also vorher nur eine reine Studio-Band? War nach dem Einstieg der beiden klar, dass Ihr auch vermehrt live aktiv werden würdet?
Jörg: Nein, nein, als zuerst Ralf und etwas später Axel in die Band kamen, gab es diese ja bereits zehn Jahre, und wir hatten zahlreiche Konzerte gespielt, unter anderem das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, eine Italien-Tour und das erste Beiruter Rock-Festival im Libanon. Ich würde sogar sagen, dass wir mit Ray und Viktor die mitreißendste Live-Performance überhaupt hatten! Und das, obwohl die Drums damals „aus der Konserve“ kam. Grundsätzlich würde ich ein Live-Schlagzeug vorziehen. Aber es ist eine logistische Herausforderung, und der Sound ist weniger beherrschbar. Du hast alleine durchs Drumkit einen Höllenlärm auf der Bühne. Es wird dann teilweise schwierig für den Gesang, sich durchzusetzen. Erst recht, wenn mehrere Gitarren und ein Bass dazukommen! Ein Drumcomputer klingt in der Regel gut, ist aber nicht sonderlich dynamisch, und von Spontaneität kann man da gar nicht sprechen.
Daniel: Ralf und Axel spielten beide zuvor bei Fallen Apart (ex-Funeral Adress). Wie seid Ihr in Kontakt gekommen? Kanntest Du die Band vorher schon? Das Internet war damals ja noch nicht so verbreitet...
Jörg: Nun, ich habe damals das „Gothic“-Musikmagazin herausgegeben, und Fallen Apart waren mit einem Interview vertreten. Als Alexander Schneiders The House Of Usher verließ, sprang Ralf kurzfristig ein und spielte eine Weile in beiden Bands gleichzeitig. Es war mir aber klar, dass FA immer die wichtigere Band für ihn war.
Daniel: Wenn man sich Eure Diskographie anschaut, dann sind - neben den regulären Alben und EPs – haufenweise Demo-Kassetten, CD-Singles, Downloads usw. erschienen. Das ist schon alles sehr übersichtlich. Warum ist das so? Und gibt es für Fans und Sammler die Möglichkeit, da irgendwie dranzukommen? Bei Discogs sind viele dieser Tonträger zwar aufgelistet, aber niemals erhältlich gewesen...
Jörg: Hm, ja, wir haben natürlich keinen Einfluss darauf, was bei Discogs eingestellt wird, und da sind dann leider auch Bootlegs und kleinste Auflagen dabei, die wir vielleicht mal bei irgendeiner Gelegenheit (Konzert) verschenkt haben. Die meisten dieser Sachen braucht man nicht, bzw. die wirklich wichtigen Aufnahmen haben wir dann an anderer Stelle gebündelt wiederveröffentlicht, wie z. B. auf der schönen „Iconography“-Compilation, die tolle Raritäten enthält!
Daniel: Ihr habt zudem eine ganze Menge Split-7"-Singles auf Vinyl veröffentlicht. Wie kamen diese Kooperationen zustande? Kanntet Ihr diese Bands? Und basierte das auch auf Ideen der jeweiligen Labels? Und ist es Dir wichtig, dass die anderen Bands auf den Split-EPs musikalisch zu Euch passen?
Jörg: Die Split-Single ist ein Medium, von dem wir gerne Gebrauch gemacht haben. Du musst ja immer eine gewisse Stückzahl vom Presswerk abnehmen, und bei einer Split-Single halbieren sich die Kosten jeweils für beide beteiligten Bands. Um trotzdem genügend Platz für unsere Songs zu haben, haben wir uns ja meistens für eine Abspielgeschwindigkeit von 33 rpm entschieden. Das hat dann allerdings einen leichten Klangverlust zur Folge.
Daniel: Vor knapp einem Jahr habt Ihr ein Jubiläumskonzert in Bochum gespielt, an dem alle Musiker und Ex-Musiker von The House Of Usher zugegen waren. War das die erhoffte große Party, die es werden sollte? Und wie war die Atmosphäre?
Thomas: Das kann man wohl sagen! Wir waren zwar nicht vollzählig (meine Frau Regina musste beim „Stars Fall Down“-Album den Bass und ich die zweite Gitarre übernehmen), aber es war eine unglaubliche Erfahrung, 35 Jahre Bandgeschichte von den Anfängen bis zum letzten Album auf die Bühne zu bringen. Ich glaube, das Konzert ging dreieinhalb Stunden und uns wurde erst danach bewusst, dass das ein historischer Moment war, der sich so nicht wiederholen lässt.
Daniel: Kurz nach dem Konzert haben drei Leute die Band überraschend verlassen. Wie kam es dazu? Und gab es dafür vorher schon ein paar Anzeichen? Oder kam es für Dich genauso plötzlich wie für Eure Fans?
Thomas: Teile der Band fragten sich nach dem Konzert, was jetzt noch als Steigerung möglich ist. Ein durchaus nachvollziehbarer künstlerischer Ansatz. Vielleicht ist man nach so vielen Band-Jahren auch ein bisschen müde, und es fehlt die Vision, wie es weitergehen kann. Eine gewisse Resignation war die Folge, und Anfang 2025 dachte ich, dass die Band jetzt auseinanderbricht. Vielleicht war es meine Motivation, trotzdem ein neues Album zu machen und aufzutreten, die letztendlich im Frühjahr sowohl zum Split als auch zum Fortbestehen der Band führte.
Daniel: Ihr macht erst einmal nur zu zweit weiter, soweit ich weiß. Bleibt das auch so? Oder war das nur erst eine Art Übergangslösung? Werdet Ihr Euch für weitere Auftritte wieder neue Leute suchen?
Thomas: Nein, das bleibt sicher nicht so. Es ist eine Übergangslösung, die aber auch einen gewissen Reiz hat. Kleinere Clubs können uns im Moment leichter buchen. Fünf Mann und ein echtes Schlagzeug brauchen einfach mehr Platz, und es ist ja auch immer eine Frage des Etats. 2026 haben wir Auftritte in Belgien, Spanien und Deutschland. Ich denke, dass wir uns danach um neue Bandmitglieder kümmern werden, um auch wieder auf größeren Festivals präsent zu sein. Außerdem macht es einfach mehr Spaß mit einer ganzen Band.
Daniel: Genauso plötzlich wie der Ausstieg der drei Musiker, kam für mich die Nachricht, dass mit „Feel Like A Walking Ghost" direkt ein neues Album erschienen ist. Das ging ziemlich schnell! Waren einige Songs schon vor der Trennung fertig? Oder ist tatsächlich erst alles danach entstanden?
Thomas: Ein paar Song-Ideen hatte ich bereits Anfang 2025 und Jörg das Thema des Albums. Aufgenommen und produziert haben Jörg und ich das Album zu zweit, das meiste noch vor Trennung. Ich muss es leider so sagen, aber die zwischenzeitliche Resignation und der Umbruch in der Band hat meine Kreativität entfesselt. Und Jörg hat mich stets darin bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein.
Daniel: Ich fand, dass die letzten zwei-drei Alben etwas seichter, melancholischer, verträumter und irgendwie „spaciger" klangen. Die neue CD klingt aber wieder mehr in Richtung Eurer Anfangstage; „back to basics", sozusagen. War das ein Schritt, den Ihr ganz bewusst so gegangen seid?
Thomas: Ich wollte ein düsteres, aber auch melodisches Gothic-Album mit einfachen, kurzen und tanzbaren Songs; keine überflüssigen Intros und Effekthaschereien bis dann nach drei Minuten endlich das Lied losgeht. Zum Zeitpunkt der Aufnahmen ging ich noch davon aus, dass wir die Lieder als komplette Band auch live spielen. Also achtete ich darauf, dass gerade wir zwei Gitarristen sie gut auf der Bühne umsetzen können. Dazu kam es aber leider nicht mehr.
Daniel: Ihr scheint in der Gothic-Szene relativ „groß" zu sein. Jedenfalls habt Ihr schon auf vielen großen Festivals gespielt. Wie hoch ist Euer Status in der Szene? Kannst Du das überhaupt beurteilen?
Thomas: Ich glaube, dass wir in den letzten Jahren zu wenig Aufmerksamkeit erzeugt haben. Gut, da waren unter anderem größere Auftritte bei der Castle Party in Polen und beim WGT. Aber wenn ich mir anschaue, dass Bands mit einer ähnlich langen Geschichte überall in Europa unterwegs sind, frage ich mich schon, warum das bei uns nicht funktioniert. Es liegt sicher an der persönlichen Lebenssituation der Bandmitglieder und an der Bereitschaft, live zu spielen. Jörg und ich sind uns einig, dass wir auf die Bühne gehören, und wir wissen, dass wir treue Fans haben, die teilweise lange Fahrzeiten in Kauf nehmen, um uns live zu erleben.
Daniel: Was steht noch in naher bis ferner Zukunft bei Euch an?
Thomas: Na ja, jetzt stehen bis Ende April ein paar Auftritte an, auf die wir uns vorbereiten müssen. Es fehlen drei Musiker, trotzdem soll es komplett klingen. Da wir bei den Gigs auch alte Hits im Programm haben, muss jetzt vieles neu eingespielt werden, was dann live „vom Band“ kommt. Aber wie gesagt, das ist nur eine Übergangslösung. Mit dem aktuellen Album werden wir uns im neuen Jahr um weitere Auftritte kümmern. Veranstalter und Clubs erhalten einfach zu viele Anfragen, da ist es mit einer Bewerbung nicht getan. Man muss dranbleiben und immer wieder nachhaken, sonst funktioniert das nicht. Frustrationstoleranz und der Wille zu spielen sind hier der Schlüssel zum Erfolg. Dann wird es sicher auch ein weiteres Album geben, erste Ideen haben wir bereits. Was wir nicht wollen, ist eine Kopie von „Feel Like A Walking Ghost“. Uns waren schon immer eine Weiterentwicklung und Neu-Ausrichtung wichtig. Ich habe ein gutes Gefühl, dass uns das gelingen wird.
Daniel: Na gut, Jörg! Dann gebührt Dir noch das Schlusswort!
Jörg: Manchmal entpuppen sich Dinge, die man im ersten Moment als Katastrophe empfindet, als neue Chance. Das Leben ist ständiger Wandel. Man kann sich dagegenstemmen, oder die Welle nutzen, um darauf zu surfen, wie wir es gerade tun. Ich würde mich freuen, wenn diese Welle uns noch lange trägt!












































